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Chronik 1890 - Bismarcks Rücktritt, Weltreise einer Frau, elektrische Stuhl in Aktion

Das Jahr 1890 gilt als Beginn der Entstehung des Jugendstils und als Beginn der Wiener Moderne. Zu Jahresbeginn wurde im Deutschen Reich eine Vorlage der Regierung über die Verlängerung des Sozialistengesetzes abgelehnt. Es waren 167 Stimmen gegen 98 Stimmen. Anfang Februar wurden dann die „Februarerlasse“ von Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) veröffentlicht, die dieser entgegen dem Rat des Reichskanzlers Otto von Bismarck (1815-1898) und auch ohne dessen Gegenzeichnung publik gemacht hatte. Die „Februarerlasse“ des Kaisers kündigten einen Ausbau des Arbeitsschutzes an. Daraufhin reichte Bismarck im März sein Entlassungsschreiben beim Kaiser ein. Der junge Kaiser hatte ihn dazu schon mehrfach drängt. Der Rücktritt war in zwei Tagen vollzogen worden. Als Nachfolger hatte Leo von Caprivi (1831-1899) das Amt des Reichskanzlers angetreten. Ebenfalls zu Jahresbeginn vollendete die US-amerikanische Journalistin Nellie Bly (1864-1922) eine Weltreise am 73. Tag. Im Jahr 1888 hatte die Zeitung „New York World“ entschieden, das Nellie Bly, die eine Pionierin des investigativen Journalismus war und mit ihren Erlebnisberichten den Zeitgeist durch ihren neuen Stil traf, die Reise nachmachen sollte, die Jules Verne (1828-1905) in seinem Roman „In 80 Tagen um die Welt“ beschrieben hatte. Nellie Bly war die erste Frau, die ohne männliche Begleitung eine derart lange Reise unternommen hatte. Sie wurde mit dieser Weltreise zum Vorbild für viele Frauen der damaligen Zeit. Vor ihr lagen 32.800 Kilometer, als sie am 14. November 1889 von New York aus begann. Über England reiste sie nach Amiens, dem Wohnort von Jules Verne, dann weiter nach Brindisi in Italiene. Weiter ging es nach Ceylon, Hongkong, China, Japan und San Francisco. Sie schaffte die Reise in 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden. Für damalige Verhältnisse hatte Bly die Reise in einer Rekordzeit geschafft. Nachdem im Vorjahr im US-amerikanischen Bundesstaat das Gesetz in Kraft getreten war, dass zum Tode Verurteilte durch den elektrischen Stuhl hingerichtet werden sollten, fand in jenem Jahr 1890 zum ersten Mal eine solche Hinrichtung statt. Tierversuche hatten zu der Ansicht geführt, dass es für den Delinquenten „humaner“ sein als gehängt zu werden. Der erste Mensch, der in den „Genuss“ der sogenannten humanen Hinrichtung kam, war der US-Amerikaner William Kemmler (1860-1890), über den das Todesurteil verhängt worden war, weil er des Mordes an seiner Ehefrau Matilda Ziegler für schuldig befunden wurde. Er hatte sie im März 1889 mit einer Axt ermordet. Die Idee des Tötens durch Strom hatten Thomas Alva Edison (1847-1931) und seine Mitarbeiter gehabt. Sie standen in harter Konkurrenz zu Nikola Tesla (1856-1943), der den Wechselstrom entwickelt hatte und den der Großindustrielle, George Westinghouse (1846-1914), ein Konkurrent von Edison, kommerziell vertrieb. Edison hingegen war ein Verfechter des Gleichstroms. Er und seine Mitarbeiter hatten seit Jahren öffentliche Experimente mit Tieren, sogar mit Elefanten gemacht, um zu zeigen, dass Wechselstrom viel gefährlicher ist als Gleichstrom. Als Demonstration kam die Hinrichtung von Kemmler sehr gelegen. Die Versuche von Kemmlers Strafverteidiger, die Exekution auf dem elektrischen Stuhl zu verhindern, scheiterten. Auch der Industrielle Westinghouse sprach sich dagegen aus, weil diese Art der Tötung viel zu grausam sei. Doch Edison befürwortete sie, um nochmals die Gefährlichkeit von Wechselstrom zu untermauern. Am 6. August 1890 wurde Kemmler dann tatsächlich auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Nach 17 Sekunden mit 1.000 Volt lebte Kemmler noch. Die Spannung wurde auf 2.000 Volt erhöht. Der zweite Versuch dauerte 70 Sekunden. Danach war Kemmler tot. Berichten von Augenzeugen zufolge hatte es nach verbranntem Fleisch gerochen und aus Kemmlers Kopf war Rauch aufgestiegen. Der Kommentar von Westinghouse: „Mit einer Axt hätten sie es besser gemacht.“
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Ereignisse & Schlagzeilen 1890
4. Januar
Uraufführung der Operette Der arme Jonathan von Karl Millöcker am Theater an der Wien in Wien.
15. Januar
Uraufführung des Balletts Dornröschen von Marius Petipa mit der Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg
25. Januar
Die US-Journalistin Nellie Bly vollendet ihre Reise um die Welt am 73. Tag.
25. Januar
Der Deutsche Reichstag lehnt mit 167 gegen 98 Stimmen eine Vorlage der Regierung über die Verlängerung des Sozialistengesetzes auf unbestimmte Zeit ab.
5. Februar
Mit dem Eintrag ins Handelsregister nimmt die Allianz Versicherungs-AG in Berlin ihren Geschäftsbetrieb auf.
22. Februar
Der Walnut-Grove-Staudamm in Arizona, USA, bricht. Durch die Flutwelle kommen zwischen 50 und 150 Menschen um.
28. Februar
In der Torres-Straße an der Küste von Queensland sinkt das Passagierschiff RMS Quetta nach der Kollision mit einem Unterwasserfelsen. Die 134 Insassen kamen ums Leben
Im März
Vincent van Gogh malt das Gemälde Porträt des Dr. Gachet.
18. März
Reichskanzler Otto von Bismarck reicht sein Entlassungsgesuch bei Kaiser Wilhelm II. ein, worauf der junge Monarch zuvor mehrfach gedrängt hat. Zwei Tage später ist der Rücktritt vollzogen.
20. März
Reichskanzler Otto von Bismarck wird von Kaiser Wilhelm II. entlassen, sein Nachfolger wird Leo von Caprivi.
20. März
Die Antisemitischen Volkspartei wird gegründet.
Im April
Der Sequoia National Park wird gegründet
Im Mai
Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray erscheint erstmals in einer Ausgabe von Lippincott’s Monthly Magazine.
13. Mai
Uraufführung des lyrischen Dramas Dante von Benjamin Godard an der Opéra-Comique in Paris.
14. Mai
Gründung der Typographischen Gesellschaft München (tgm) im Hackerbräuhaus in München.
17. Mai
Uraufführung der Oper Cavalleria rusticana (Sizilianische Bauernehre) von Pietro Mascagni am Teatro Costanzi in Rom.
31. Mai
Das Ulmer Münster erhält die Kreuzblume aufgesetzt und ist damit vollendet.
Im Juni
Gründung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
1. Juli
In Japan finden die ersten Unterhauswahlen statt
1. Juli
Das Deutsche Reich erhält
Helgoland von Großbritannien; im Austausch dazu erkennt das Deutsche Reich die englischen Ansprüche auf Sansibar an und tritt die deutsche Kolonie Wituland an Großbritannien ab. Das ganze ist im Helgoland-Sansibar-Vertrag nieder geschrieben
2. Juli
US-Präsident Benjamin Harrison setzt den vom Senat und Kongress verabschiedeten Sherman Antitrust Act in Kraft. Die Regierung erhält damit eine Möglichkeit, die Marktmacht von Monopolen einzuschränken.
3. Juli
Idaho wird 43. Bundesstaat der USA.
10. Juli
Wyoming wird 44. Bundesstaat der USA.
Im August
Emil von Behring entwickelt die Grundlagen der Serum-Therapie.
9. August
Die Insel Helgoland wird von den Briten in deutsche Verwaltung übergeben.
11. August
In Antwerpen wird das Königliche Museum der Schönen Künste eröffnet, das Kunstwerke vorwiegend des 16. und 17. Jahrhunderts beherbergt.
4. September
Ein Großbrand verursacht schwere Schäden in der griechischen Stadt Thessaloniki. Das europäische Viertel brennt vollständig nieder. 20.000 Menschen werden obdachlos.
12. Oktober
Der Parteitag der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) in Halle beschließt die Umbenennung der Partei in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD).
18. Oktober
Curt von François gründet die namibische Hauptstadt Windhoek (Windhuk).
4. November
Uraufführung der Oper Fürst Igor von Alexander Porfirjewitsch Borodin an der Hofoper in Sankt Petersburg.
23. November
Der Tod Wilhelms III. bedeutet für das Großherzogtum Luxemburg die völlige Unabhängigkeit.
29. November
In Japan tritt die Meiji-Verfassung in Kraft. Das Parlament kommt zu seiner ersten Sitzung zusammen.
29. Dezember
Bei Wounded Knee im US-Bundesstaat South Dakota töten US-amerikanische Truppen zwischen 200 und 300 Indianer vom Stamm der Lakota (Sioux).
9. Oktober
Clément Aders Eindecker Éole III fliegt etwa 50 m weit, dann wird das Fluggerät beim Absturz zerstört.
6. Dezember
Der französische Mediziner Charles Robert Richet impft erstmals Immunserum bei einem Menschen.
19. Dezember
Uraufführung der Oper Pique Dame von Pjotr Iljitsch Tschaikowski im Mariinski-Theater in Sankt Petersburg.
 


 

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