DDR Chronik 1963 - Mangel kontra Zuversicht

Der Bau des „Antifaschistischen Schutzwalls“, wie er in der DDR in offiziellen Kreisen und auch in den Zeitungen benannt wurde, war noch längst nicht als selbstverständliche Tatsache in den Köpfen der Menschen verankert. Dass die Teilung der beiden deutschen Staaten sich durch die Mauer manifestierte, machte sie ebenfalls nicht zu einem akzeptablen Fakt. Die Menschen hatten in ihrem Arbeitsalltag zwar genügend Ablenkung, um dem Sozialismus wirtschaftlich auf die Sprünge zu helfen, aber sie wurden auch unentwegt mit Propaganda der Partei konfrontiert. Bei vielen Menschen war die Hoffnung auf ein friedliches und gerechtes Leben so groß, dass sie dieser Propaganda Glauben schenkten und emsig bemüht waren, Bestleistungen anzustreben. Dass der westliche Teil Deutschlands zum sogenannten „Klassenfeind“ stilisiert wurde, geschah fast unmerklich, aber wirksam. Dennoch gab es viele Menschen, die eher die Mauer als feindlich ansahen als die Art der Demokratie, die in der BRD verwirklicht wurde. Dort hatte inzwischen Konrad Adenauer (1876-1967) für den seinen Rücktritt angekündigt, den er im Herbst tatsächlich realisierte. Ludwig Erhard (1897-1977) wurde sein Nachfolger. In der DDR herrschte nach wie vor Walter Ulbricht (1893-1973) mit diktatorischer Politik. Da war kein Platz für kritische Äußerungen wie sie beispielsweise Robert Havemann (1910-1982) in einem Vortrag über marxistische Philosophie öffentlich aussprach. Das durfte sich nicht einmal ein Kommunist leisten. Wer seine Freunde und Verwandten seit dem Mauerbau nicht mehr gesehen hatte, der konnte wenigstens zum Jahresende ein wenig jubeln. Das Passierscheinabkommen, das am 17. Dezember 1963
geschlossen worden war, machte es Berlinern aus dem Westteil der Stadt erstmals wieder möglich, in den Ostteil der Stadt einzureisen. Umgekehrt nicht. Dessen ungeachtet versuchten immer wieder Menschen aus der DDR in den Westen zu fliehen. Das Westfernsehen informierte über solche Fluchtversuche, auch über die, die tödlich endeten. Seitens der DDR wurde so eine Aktion als ein verbrecherischer Akt gewertet, der zu Strafen berechtigte.
In der Kunst, vor allem auch in dem Bereich Literatur – Bücher waren sehr preiswert – hatte sich nach dem Bau der Mauer eine sogenannte „Ankunftsliteratur“ etabliert. Diese Phase war von dem „Bitterfelder Weg“ geprägt, der eine neue kulturpolitische Entwicklung bezeichnete, angelehnt an eine Autorenkonferenz, die im VEB Chemiekombinat Bitterfeld ihren Anfang genommen hatte. Die Betriebe gehörten dem Volk und es herrschte auf höchster Ebene Einigkeit darüber, dass nun auch ein eigenes Kunstschaffen entwickelt werden musste, das sich deutlich von der Kunst des Klassenfeindes abzugrenzen hatte. Das „Künstlerische Volksschaffen“ wurde in den Zirkeln schreibender Arbeiter gefördert. Damit erhoffte sich die Parteiführung eine Kunst, die ihrer Linie entsprach. Es war eine scheinbare Liberalisierung in der gesamten Kultur- und Jungendszene sichtbar und sogar Liedermacher wie Wolf Biermann (*1936) durften öffentlich auftreten. Solange sich kritische Texte in Grenzen hielten. Selbst die von Walter Ulbricht (1893-1973) eigentlich so verteufelte Beatmusik wurde in gemäßigter Dosierung zugelassen. In einem Jugendkommuniqué von 1963 hatte die SED ihre neue Offenheit festgelegt, hatte Selbständigkeit versprochen und die jungen Leute mit einem Mitspracherecht zu künstlerischer Arbeit angehalten.
Das Jahr 1963 war besonders für eine Schriftstellerin von großer Bedeutung – CHRISTA WOLF (1929-2011). Ihr Erzählung „Der geteilte Himmel“ war ein sehr charakteristisches Beispiel für die neue Literatur in der DDR, wobei gerade in dieser Veröffentlichung ein sehr reales Systembild gezeichnet wurde, das noch in späteren Jahren maßgeblich zur Verarbeitung jener Zeit beitragen sollte. Christa Wolfs Buch war keineswegs von Parteipropaganda durchsetzt, sondern fand gerade durch seinen Wirklichkeitsbezug Anklang.
Entspannung durch Kunst, das war die staatliche Empfehlung, denn in diesem Jahr wurde in der DDR das Drei-Schicht-System in den volkseigenen Betrieben eingeführt, um die Laufzeiten der Maschinen effizient auszulasten und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, um das es mehr als schlecht bestellt war. Gleichzeitig wurde von staatlicher Seite alles getan, um die Betriebe zu einer Art zweitem Zuhause zu gestalten, in dem man Betriebssportgemeinschaften förderte oder neu gründete, Arbeitertheater unterstützte und dabei half, günstig an Theaterabonnements zu gelangen, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch die Massenorganisationen GST (Gesellschaft für Sport und Technik) trug dazu bei, das Interesse junger Menschen an Technik im Zusammenhang mit Sport zu befriedigen. Allerdings liefen die Aktivitäten der Organisation auf eine Hinwendung zum Militär und damit zum Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) hinaus. Es war eine vormilitärische Ausbildung, die bereits in der Schule forciert wurde. Durch die hohe technische Ausrüstung bot dieser Wehrsport den Jugendlichen Möglichkeiten, die sie ansonsten nicht gehabt hätten. Manche Sportart konnte man nur als Mitglied in der GST ausüben. Das wiederum war preiswert und verlockend.
Kennzeichnend für das Jahr 1963 war, wie auch schon für die vorangegangenen Jahre, die schlechte Versorgungslage im Land. Mangel herrschte an allem. Davon waren Grundnahrungsmittel und Bekleidung ebenso betroffen wie Waschmittel, diverse Kosmetika und vieles mehr. Wer Verwandte in Berlin (West) oder in der Bundesrepublik hatte, konnte private Engpässe leichter überwinden als die Menschen, die auf die DDR-Versorgung angewiesen waren. Auch Baumaterial gehörte zur Mangelware. Entsprechend lang waren die Zeiten, bis neue Wohnungen entstanden oder Ruinen wieder zu bewohnbaren Häusern wurden. Der Bau der Mauer hatte zwar die Abwanderungsquote gestoppt, nicht aber den Willen vieler Menschen gebrochen, in den Westen zu gehen. Und von offizieller Seite, von den Höhen der SED-Regierung hallte es wider von Zuversichtsparolen, die sogar eine Wiedervereinigung thematisierten – durch die Zerschlagung des Kapitalismus im Westen und einen Sozialismus in einem vereinten Deutschland. Die Wirtschaftskonferenz, die am 24. und 25. Juni 1963 stattfand, brachte das „Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖSPL) hervor. Darin war festgelegt, wie der wirtschaftliche Standard der BRD einzuholen und letztendlich zu überflügeln sei. Die Umsetzung dauerte lange, 1963 war davon jedenfalls noch nichts zu spüren.
Merklich spürbar in allem war allerdings der Einfluss des sowjetischen Bruderlandes, nach dem sich die DDR-Regierung orientierte und sich in Abhängigkeit befand. Die „Gesellschaft für deutsch-sowjetische
Freundschaft“ (DSF), die bereits 1949 gegründet worden war, versuchte als Massenorganisation jegliche antisowjetische Einstellung in der Bevölkerung abzubauen, Brieffreundschaften in den Schulen zu initiieren und eine feste Freundschaft von „oben“ zu diktieren. Kontakte zu Personen westlich der Grenze wurden nach wie vor kontrolliert und aufmerksam beäugt. Auch die „Verordnung zum Schutze der Staatsgrenze zwischen der DDR und West-Berlin“ sollte derartige Kontakte und vor allem weitere Fluchtversuche erschweren, im besten Fall verhindern. Im Klartext hieß das; die Sperrzone an der Mauer wurde erweitert. Im Bezirk Potsdam wurde sie auf 500 Meter, in Ost-Berlin auf 100 Meter ausgedehnt. Außenpolitisch war die DDR bemüht, internationale Anerkennung zu erlangen, als souverän zu gelten und sich in allen Bereichen vom Nachbarn BRD zu unterscheiden. Immerhin hatte Kuba die DDR anerkannt, was die BRD mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu dem Inselstaat vor den Toren der USA quittierte.
Die Mode in jener Zeit hatte ein wenig von ihrer Damenhaftigkeit eingebüßt, zumal Eleganz und Glamour nur bedingt zum Frauenbild des Sozialismus passte, was aber nicht bedeutete, dass die Frauen sich dennoch nach attraktiver Kleidung sehnten. Ein Muss war für die werktätige Frau – mittlerweile waren rund 50 % der Frauen berufstätig – aber nicht nur die Kittelschürze aus Dederon (im Westen aus Nylon),
DDR Modekatalog 1963
sondern vor allen Dingen eine Kleidung der Zweckmäßigkeit, die Selbstbewusstsein zum Ausdruck brachte. Schick durfte die Freizeitbekleidung dennoch sein. Für die jungen Mädchen war die Rocklänge eher eine Rock-Kürze, Hosenanzüge waren en vogue und auch Petticoats wurden getragen. Wenngleich diese Mode der weiten Röcke und Kleider im Westen schon fast out war, so hatte sie in den Sechzigern in der DDR durchaus noch Bestand. Wer sich mit der Nähmaschine gut auskannte, war klar im Vorteil. Da war nur noch das Material-Problem.
Die meisten Stoffe waren aus Chemiefasern, nicht sehr luftdurchlässig, dafür pflegeleicht. Immerhin war eine effiziente Zeitauslastung etwas, was staatliche Unterstützung fand. In der Produktion und auch in der Freizeit. Übrigens, der Modetanz „Lipsi“, der 1959 eigens von staatlicher Seite erfunden worden war, um sich von amerikanischen Einflüssen zu unterscheiden, hatte sich bei aller Bemühung um Abgrenzung nicht halten können. Auch in der DDR tanzte man Twist. Gegen den ging niemand politisch vor, man duldete ihn, weil er als harmlos und nicht systemfeindlich eingestuft wurde. Ob er dennoch ein Tanz auf dem Vulkan war?..
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