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Das Musikjahr 1914 - Bayreuth verlor sein Wagner-Monopol


Das Jahr 1914 hat traurige Berühmtheit durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlangt - musikalisch ist dagegen eher viel Außergewöhnliches zu berichten. Es waren, wie schon in den Jahren zuvor, erneut Opern und Operetten, die die musikalische Szene des Jahres 1914 beherrschten - zumindest die erste Hälfte.
Eine Besonderheit war damals sicherlich, dass - nach Ablauf von 30 Jahren des Urheberrechtsschutzes - Bayreuth das Monopol auf die Aufführung von Richard Wagners „Parsifal“ verlor. Infolgedessen konnte diese Oper nun auch von allen anderen Theatern inszeniert werden. Nennenswerte musikalische Premieren des Jahres waren darüber hinaus unter anderem „Der Kuss“, eine Operette von Ludwig Roschlitzer, die am 31. Januar vom Wiener Carltheater uraufgeführt wurde, gefolgt von „Endlich allein“ aus der Feder des Operettenkönigs Franz Lehár. Die Operette hatte am 10. Februar am Theater an der Wien Premiere.
In Berlin wurde vier Tage darauf die Operette „Jung-England“ von Leo Fall uraufgeführt, in der es um Frauenemanzipation und eine „Indische Erzählung“ mit „Schleiertanz“ ging. Die Operette spielt im kolonialen England und verbreitete durch ihre Instrumentalisierung mit Schellentrommel, Harfe und Mandoline mit einem Hauch von fernöstlichem Flair.
Der musikalische Faschings-Ohrenschmaus des Jahres 1914 drehte sich dagegen ganz bodenständig um ein regionales Leibgericht der Karnevals-Hochburg Köln, wie Nostalgie-Postkarten dokumentieren: „Samstags muss ich min Hämmchen han, schön mager nit zo fett, eh’r gonn ich nit nohm Bett“. Der Text stammte von Ludwig Schmitz, die Musik von Emil Neumann und war bereits 1913 erstmals veröffentlicht worden. Beim „Hämmchen“ handelte es sich übrigens um eine Schweinshaxe beziehungsweise ein Eisbein.
In österreichischen Wien stand danach am 1. April die Premiere von Franz Schmidts „Notre Dame“ auf dem Spielplan, eine spätromantische Oper, die auf Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ basiert und im Paris des 15. Jahrhunderts spielte. Das Libretto hatte Schmidt zusammen mit Leopold Wilk verfasst.
Am 10. Mai des Jahres wurde die Oper „Die Marketenderin“ des deutschen Komponisten Engelbert Humperdinck in Köln uraufgeführt. Und in Paris feierten die späteren französischen Kriegsgegner fünf Tage später die Premiere von „Mârouf, savetier du Caire“, eine Oper des Komponisten Henri Rabaud.
Am 11. Juni wurde in Leipzig die Oper „Don Juans letztes Abenteuer“ des Komponisten Paul Graener uraufgeführt und am 27. Juni 1914 - am Vortag des Attentats von Sarajewo - beendete der russische Komponist Igor Strawinsky die Instrumentierung seiner „Deux Poèmes de Paul Verlaine“. Danach war für die Musikgeschichte erst einmal eine längere Pause angesagt.
Den Dirigentenstab übernahm nun zunächst die Politik und danach, ab dem 4. August des Jahres, das Militär - mit Militärmusik und Soldatenlieder. Beispielsweise schrieben der Österreicher Fritz Löhner-Beda, damals ein bekannter Librettist und Schlagertexter und sein Landsmann Artur Marcel Werau das Soldatenlied „Rosa, wir fahr’n nach Lodz“, das im Jahr darauf veröffentlicht wurde. Mit Rosa war dabei allerdings keine Herzallerliebste gemeint, sondern ein schwerer Mörser, der damals an der Front eingesetzt wurde. Die Urfassung des Liedes geht vermutlich auf ein altes Landsknechtlied aus dem Dreißjährigen Krieg zurück. In den 1970er Jahren wurde das Lied in der Version „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ von Vicki Leandros ein weiteres Mal, und diesmal völlig unmilitärisch, erneut zum Evergreen.
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab es 1914 verständlicherweise nur noch wenige musikalische Highlights. So gab einer der größten Tenöre seiner Zeit, der Italiener Beniamino Gigli, am 15. Oktober 1914 sein Operndebüt in der italienischen Stadt Rovigo. Gigli sang damals den Enzo in „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli. Und am Wiener Johann Strauss Theater wurde am 9. November die Operette „Rund um die Liebe“ von Oscar Straus, dem Komponisten des „Walzertraums“, uraufgeführt.
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