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Das Modejahr 1920 Mode – Armes Deutschland mit neuen Schuhen

Die fatalen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges waren auch im zweiten Jahr nach dessen Beendigung noch überall im Lande zu spüren. Die Menschen entbehrten nicht nur Lebensmittel. Das eingeschränkte Angebot betraf alle Bereiche des Lebens, so auch die Mode. Umso größer war die Sensation, als es endlich wieder Schuhe zu kaufen gab.
Gazetten hatten schon vor 1914 über den sogenannten Bubikopf berichtet, der in Frankreich  für Aufsehen gesorgt hatte. Diese Kurzhaar-Frisur für Frauen war von den Herrenschnitten inspiriert und galt damals als geschmacklos. Wenige Jahre später setzte sich der Bubikopf in Frankreich durch. Dafür hatte eine Modeschöpferin namens Gabrielle Chanel gesorgt. In Deutschland war es die Schauspielerin Asta Nielsen, die die Pagenfrisur salonfähig machte.
Die Berichterstattung in den Gazetten über die modischen Veränderungen in Paris war spärlich.
Was hier und da bekannt wurde, hatte nicht sofort Einfluss auf die Kleidung der Frauen in Deutschland. Hier trug man derzeit Röcke und Kleider, deren Schnitte die Betonung der Hüften auf die Spitze trieb. Besonders die abstehenden Taschen waren geeignet, Spötter auf den Plan zu rufen. Die Röcke wippten, hatten Faltenfächer und wurden mit einem zusammenklappbaren Regenschirm verglichen. Die Länge der Kleidung hatte sich zwischen Knie und dem Beginn der Wade eingependelt. Das galt als kurz, wurde aber nicht als sehr damenhaft angesehen.
Angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung hungerte, Familien sich ohne Väter und Ehegatten durchschlagen mussten und der Kampf um das tägliche Überleben kaum Zeit für Trauer um die Gefallen ließ, wunderte sich niemand, dass die Menschen jede Gelegenheit wahrnahmen, um sich zu vergnügen.
Bewahrten sich die Frauen im Alltag noch eine bescheidene Eleganz, so mussten es bei abendlichen Tanz- und Lustbarkeitsveranstaltungen besonders bunte, glitzernde, völlig verrückte Kleider sein. Auffallen und Vergessen war angesagt. Zumindest nachts. Während die Herren für so ein Abendereignis meist im Smoking oder im Cutaway erschienen, boten die Damen einen sehr kontrastreichen Anblick. Lange Perlenketten, Federn in unübersehbarer Größe oder Brokat waren dabei keine Ausnahme-Accessoires bzw. –Materialien. Die Variationen der Tanzkleider waren Aufsehen erregend. Die Frauen waren selbstbewusst, trugen sie mit Stolz. Den Männern gefiel es. Ob ihnen jedoch bewusst war, mit welchen Vamps sie es später zu tun bekommen sollten, ist ungeklärt.
Der Franzose Paul Poiret fand zahlreiche Abnehmerinnen aus begüterten Kreisen, die sich für seine pompösen Kleider begeisterten. Anregungen aus Fernost spiegelten sich in den Stickereien und Ausschmückungen wider und Dekolletés, die grandiose Ausblicke ermöglichten, waren charakteristisch. Der Begriff „Schwere Zeiten“ schien ein Fremdwort. Im Gegensatz zur Extravaganz eines Paul Poiret
offerierte Gabrielle Chanel schlichte Eleganz. Wenig Stoff war auch für ihre Futteral-Kleider nötig, die sie für den Abend vorschlug. Es waren kleine schwarze, sehr aparte Kreationen, die sich ihre Berühmtheit als „Kleines Schwarzes“ bis in die Neuzeit erhielten. Ihre Mode war 
bequem, hatte eine knappe Wadenlänge und zum Rock gehörte eine Jacke, die hüftlang war und mit einem Gürtel getragen wurde. Den größten Erfolg erntete die Französin – ihre Freunde nannten sie Coco – mit der Kreation ihres Parfüms „Chanel Nr. 5“.
Die Tageskleidung der einfachen Frauen wurde von Mantelkleidern bestimmt. Zur Hüftbetonung kamen hohe, auffallende Stehkragen. Velours-Jackenkleider gefielen den Damen besonders, denn sie hatten eine Glockenform. Eine willkommene Neuheit.
Die Männer waren von Extravaganz weit entfernt. Sie trugen die Uniformen auf, allerdings in geänderter Form. Der Schnitt des Sakkos war seit drei Jahren gleich. Der Oberkörper verdankte seine gedrungene Optik der hohen Taille. Die Schulterpartien wurden bewusst breit betont. So sah selbst der magere Mann einem Herkules ähnlich, wenn auch nicht vorteilhaft. Sehr verbreitet waren die sogenannten Korkenzieher-Hosen. Sie waren ziemlich kurz, wurden zum Saum hin eng.
Der Beginn des neuen Jahrzehnts war von den unterschiedlichsten Ereignissen dominiert. Während Adolf Hitler im Münchner Hofbräuhaus ein 25-Punkte-Programm verkündet, die Olympiade in Antwerpen ohne das Deutsche Reich stattfand, das inzwischen Weimarer Republik hieß, schwappte aus Amerika eine Tanzmusik herüber, die alle begeisterte: der Jazz.
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