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Politik 1810-1819 – Der Kaiser Frankreichs und der Abstieg Napoleons

Die 1810er Jahre waren vor allem vom Wirken und Nachwirken des französischen Kaisers Napoleon I. bestimmt. Am Anfang des Jahrzehnts stand Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Sein Sturz genau in der Mitte des Jahrzehnts wurde ereignisgeschichtlich, endgültig, von seiner sprichwörtlich gewordenen Niederlage in der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 markiert. Politisch wesentlich wichtiger waren aber die in Folge von den über Napoleon gesiegten Fürsten gemachten Beschlüsse, die innenpolitisch und in Bezug auf zwischenstaatliche Beziehungen das folgende Halbjahrhundert entscheidend prägten.
Der von 1799 bis 1804 Frankreich als schließlich mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Erster Konsul der Republik und ab 1804 als durch Volksabstimmung formal legitimierter Kaiser regierende Napoleon Bonaparte war 1810 Herrscher vom größten Teil Europas. Napoleons politisches Geschick und seine militärische Begabung hatten entscheidend dazu beigetragen, dass die nach der Revolution von 1789 politisch und militärisch von den Monarchien an ihren Grenzen in die Defensive gedrängte Republik in die Offensive gehen konnte. Dem revolutionären Elan der französischen Heere konnten die Kadavergehorsams-Truppen Österreichs, Preußens und anderer Staaten letztlich nicht standhalten. Napoleon baute ein Empire mit einem Frankreich im Zentrum auf, dessen Departements sich von Nordspanien bis an die Elbmündung erstreckten.
Die Iberische Halbinsel sowie Italien und vor allem die Konkursmasse des auf Druck Napoleons 1806 untergegangenen Heiligen Römischen deutscher Nation, der Rheinbund, gehörten am Anfang der 1810er Jahre zum napoleonischen System von Satellitenstaaten. Auch Preußen und Österreich waren in dieses System eingebunden. Nur das als Seemacht für Frankreich unüberwindliche Großbritannien und das sich mit Napoleon arrangierende Russland verblieben mit Frankreich auf Augenhöhe. Das napoleonische System konnte zunächst durchaus mit Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung der mit Gewalt angegliederten Gebiete rechnen. Liberale Bürger und entrechtete Bauern, die sich von Napoleon eine bessere Zukunft als unter der autoritären Herrschaft ihrer bisherigen Monarchen erhofft hatten, wussten zwar zugestandene Freiheitsrechte zu schätzen, litten aber rasch unter der von Frankreich aufgezwungenen Kriegswirtschaft mit Kontributionen, Einquartierungen und Zwangsrekrutierungen (mehr als die Hälfte der napoleonischen Soldaten zwischen 1810 und 1815 waren Nichtfranzosen).
Insbesondere in den deutschen Ländern begünstigte die zunehmend als fremde Despotie empfundene napoleonische Herrschaft das Entstehen eines in dieser Form und Breite neuartigen Nationalgefühls. Standesgrenzen und einzelstaatliche Egoismen traten zugunsten der Betonung eines zumeist diffusen Deutschtums in den Hintergrund. Zwar hatte es seit Mitte des 18. Jahrhunderts immer wieder Versuche gegeben, ein deutsches Nationalgefühl zu erwecken, aber diese oft durchaus politisch angelegten Versuche beschränkten sich fast ausschließlich auf den Bereich der bürgerlichen Hochkultur (Klopstock, Lessing, Schiller). Diese Ansätze waren ohne wesentliche Wirkung auf die durch Vielstaaterei und dynastische Partikularinteressen gekennzeichnete politische Landschaft geblieben. Erst unter Druck verband sich die Abneigung gegen den als gemeinsamen Feind empfundenen Napoleon in Verbindung mit romantischen Reichsvorstellungen und kaltem Kalkül anti-napoleonischer Politiker zu einem breiten Nationalgefühl, das sich in der Tendenz als aggressiver, sich gegen Frankreich gerichteter Nationalismus und nicht als ein dem Gemeinwohl verpflichteter Patriotismus zeigte.
Der Anlass des aktiven Aufstands der sich formierenden Nationalbewegung stand im engen Zusammenhang mit der Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug. 1812 hatte die französische „Grande Armée“ das von Zar Alexander I. regierte Russland, das aus der gegen Großbritannien gerichteten Kontinentalsperre Napoleons ausgeschieden war, angegriffen. Statt sich der französischen Armee zu stellen, wichen die russischen Verbände in den weiten Raum aus und hinterließen den Franzosen zerstörte Gebiete („Verbrannte Erde“). Die Franzosen erreichten zwar Moskau, aber sie waren im Winter nicht mehr in der Lage, sich aus dem Land zu versorgen, und mussten sich schließlich unter enormen Verlusten zurückziehen. Das preußische Hilfskorps (Blücher) sagte sich im Januar 1813 von Napoleon los und löste damit den, nach einigem Zögern auch vom König Friedrich Wilhelm III. unterstützten, „Preußischen Befreiungskrieg“ aus. Der während der französischen Besatzungszeit (seit 1806/07) heimlich reorganisierten preußischen Armee gelang es, zusammen mit dem Volksaufgebot der halbirregulären Landwehr, im Kampf gegen die französische Armee zu bestehen. Der endgültige Sieg wurde im Oktober 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig erreicht: Russland, Schweden, Preußen und das sich dem Befreiungskrieg schließlich auch angeschlossene Österreich schlugen Napoleon, der sich aus Deutschland zurückziehen musste.
Die Alliierten, denen sich auch bald fast alle Rheinbund-Staaten anschlossen, stießen nach Frankreich vor. Nach der für ihn verlorenen Schlacht bei Paris (31. 3. 1814) musste Napoleon abdanken. Ihm wurde die etwa 50 km östlich seiner Geburtsinsel Korsika liegende, 220 qkm große Insel Elba als Herzogtum zugewiesen. Nach knapp einem Jahr verließ er Elba und landete im März 1815 in Südfrankreich. Napoleons Prestige war stark genug, um in Frankreich, in dem inzwischen Ludwig XVIII. regierte, wieder an die Macht zu kommen. Napoleons “Herrschaft der Hundert Tage“ endete am 22. 6. 1815 mit seiner auf die Niederlage gegen Briten und Preußen bei Waterloo folgenden endgültigen Abdankung. Napoleon wurde auf die britische Südatlantik-Insel St. Helena gebracht und dort bis zu seinem Tod 1821 in Gewahrsam gehalten.
Vom September 1814 bis zum Juni 1815 hatte in Wien eine Versammlung von Fürsten und Gesandten über die Neuordnung Europas im Sinne einer Restauration vornapoleonischer Verhältnisse unter Berücksichtigung der Gottgegebenheit der Monarchien („Legitimität“) verhandelt. Herausragende Persönlichkeiten beim “Wiener Kongress“ waren vor allem der intrigante und mächtige österreichische Außenminister Fürst Metternich und sein französischer Gegenpart Talleyrand. Dem geschmeidigen Talleyrand, der auch Napoleon gedient hatte, gelang es, Frankreich aus der Rolle der Verlierermacht zu lösen und dem restaurierten Königreich eine gleichberechtigte Rolle im Konzert der Mächtigen neben Großbritannien, Österreich, Russland und Preußen zu verschaffen. Als Zugeständnis an die deutsche Nationalbewegung wurden landständische Verfassungen in den deutschen Staaten in Aussicht gestellt und der Deutsche Bund geschaffen. Diese lose Föderation der deutschen Länder hatte kaum Kompetenzen und war für Nationalisten eine herbe Enttäuschung. Auf dem Wartburgfest 1817 in Eisenach machten sich Burschenschafter Luft und protestierten gegen die Konstruktion des Deutschen Bundes und gegen die reaktionären Obrigkeiten.
Indirekte Folge des Wiener Kongresses war die Etablierung der 1815 von den Herrschern Russlands, Österreichs und Preußens gegründeten „Heiligen Alllianz“ (seit 1818 auch mit Frankreich). Dieses erzkonservative Fürsten-Bündnis stand allen demokratischen und freiheitlich-nationalen Bestrebungen als Gefahren für das angeblich christliche Gottesgnadentum feindlich gegenüber. Die auch mit dem Begriff „Metternichsches System“ bezeichneten reaktionären Kräfte gingen hart gegen tatsächliche und mutmaßliche Oppositionelle vor. Dazu diente unter anderem die Umsetzung der von Delegierten etlicher deutscher Staaten beschlossenen „Karlsbader Beschlüsse“ vom August 1819. Durch rigide Pressegesetze sowie durch massive Beschränkungen von Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sollte Burschenschaften, Turnvereinen und anderen „demokratischen Umtrieben verdächtigten“ Organisationen die Betätigungsmöglichkeiten genommen werden. Die Karlsbader Beschlüsse bewirkten eine Radikalisierung weniger Aktivisten und das Abducken der Masse der bürgerlichen Bevölkerung in das nur scheinbar harmonische Idyll des Biedermeier.
34-jährig nahm sich 1811 der deutsche Dichter Heinrich von Kleist („Der zerbrochne Krug“) das Leben. In Weimar starb 1813 einer der vier „Großen von Weimar“, der zu den wichtigsten Schriftstellern der Aufklärungszeit zählende Christoph Martin Wieland, in Folge einer Erkältung. Er wurde 79 Jahre alt. Die Ermordung des 56-jährigen deutschen Dramatikers und Generalkonsuls von Russland August von Kotzebue durch einen Burschenschafter wurde Anlass für die Karlsbader Beschlüsse.
1812 erschienen die ersten Bände der Kinder- und Hausmärchen, der von den Brüdern Wilhelm und Jacob Grimm bis 1858 herausgegebenen Sammlung „Grimmscher Märchen“. 1813 brachte die britische Schriftstellerin Jane Austen mit „Stolz und Vorurteil“ einen der wichtigsten Romane der Dekade heraus. Das ein Jahr später anonym veröffentlichte Werk „Waverly“ des Schotten Walter Scott wurde später als erster „historischer Roman“ der Literaturgeschichte bezeichnet. 1819 sorgte der Preuße Joseph von Eichendorff mit seiner romantischen Novelle „Das Marmorbild“ für Aufsehen.
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