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Politik 1800-1809 – Napoleon bestimmte das Zeitgeschehen

Die erste Dekade des 19. Jahrhunderts war unbestreitbar von einem an Körperlänge mäßig großen (wahrscheinlich etwa 1,68 m, was exakt der Durchschnittsgröße von europäischen Männern um 1800 entsprach), aber an politischer Bedeutung überragenden Franzosen geprägt. Die historische Epoche zwischen 1799 und 1815 ging als „Napoleonisches Zeitalter“ in die Geschichte ein. Der gebürtige Korse Napoleone Buonaparte, der sich auf Französisch „Napoléon Bonaparte“ nannte, veränderte als „Kaiser Napoleon I.“ nicht nur die Landkarte Europas, sondern in Ergänzung zur Französischen Revolution auch nachhaltig das politische Denken.
Der Aufstieg des 1769 geborenen Sohns eines korsischen Kleinadeligen hing eng mit der Französischen Revolution zusammen. Innerhalb weniger Jahre war der talentierte Artillerie-Soldat vom Subaltern-Offizier zum einflussreichen Revolutions-General aufgestiegen. 1799 war er durch einen Staatsstreich zum Ersten Konsul der Republik geworden. Napoleon erklärte den seit 1789 anhaltenden Revolutionszustand für beendet. Mit großem politischen Geschick und außerordentlichem militärischen Talent, aber auch mit Repression, gelang es Napoleon, seine Machtbasis so weit zu verbreitern und zu stabilisieren, dass er sich 1804 nach einer Volksabstimmung zum „Kaiser der Franzosen“ krönen konnte. Sein nicht wie bis dahin üblich auf Gottesgnadentum, sondern auf dem Volkswillen gründendes Kaiserreich war eine eigentümliche Mischung aus an den Bombast der Bourbonen-Könige nahtlos anknüpfender höfischer Prachtentfaltung, autokratischer Herrschaftsführung, Verfassungsstaat und Imperialismus. Napoleons mit der Betonung von „Gloire“ verbundenes Charisma und die Vorteile, in deren Genuss das französische Volk tatsächlich oder vermeintlich durch die Herrschaft Napoleons kam, schufen trotz weiter bestehender krasser sozialer Unterschiede ein so bis dahin unbekanntes National- und Gemeinschaftsgefühl, das in Frankreich bis in die neueste Zeit nachwirkte. Napoleons Erfolg basierte zum Teil auf seinem Versprechen, jedem Franzosen unbeachtlich seiner Herkunft alle Möglichkeiten zum Aufstieg zu eröffnen. Wichtig war auch Napoleons Wirken als Verwaltungs- und Justizreformer. Insbesondere hat er durch das „Code Civil“ genannte Zivilgesetzbuch von 1804 fundamentale, in der Revolution formulierte Freiheits- und Gleichheitsrechte verankert.
Vor allem war Napoleon aber ein Imperialist, der innerhalb kurzer Zeit durch die Kombination von militärischer Gewalt und politischer Vereinbarung ein fast ganz Europa umfassendes „Empire“ aufbaute. Seine durch die Revolutionskriege erfahrenen Soldaten und Offiziere stellten einen vollkommen anderen Typus Militär dar als das militärische Personal der Frankreich umgebenden Monarchien. Sowohl freiwillig dienende als auch eingezogene französische Soldaten fühlten sich als freie Männer und wurden in der Regel auch so behandelt. Jeder französische Rekrut hatte den sprichwörtlichen „Marschallstab im Tornister“: Er konnte bei entsprechender Leistung und Fortune Offizier werden. Dagegen galt in den anderen Armeen das Prinzip von Kadavergehorsam, Prügelzwang und strikter Trennung von, in der Regel adligen, Offizieren von den, in der Regel aus den Unterschichten stammenden, Gemeinen. Zudem waren die französische Taktik und das strategische Denken von Napoleon und seinen Kommandeuren wesentlich effektiver als die veralteten traditionellen Militärdoktrinen.
In einer Reihe von Kriegen gegen wechselnde Koalitionen schlug Napoleon die die alte monarchische Ordnung für Frankreich anstrebenden Monarchien. Spätestens nach den überragenden Siegen in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz (1805) über Österreich und Russland beziehungsweise in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt (1806) über Preußen und Sachsen hatte Napoleon die unbestrittene Vormachtstellung in Europa erreicht. Seine Herrschaft sicherte er unter anderem durch die Besetzung zahlreicher europäischer Throne mit Mitgliedern seiner vielköpfigen Familie. Auch das in die Defensive gedrängte Russland war gezwungen, sich mit Frankreich zu arrangieren. Lediglich das von der Royal Navy geschützte Großbritannien behauptete sich weiter militärisch gegenüber Frankreich.
Napoleon herrschte über ein territorial erheblich erweitertes Frankreich, das umgeben war von einer Reihe von abhängigen Ländern. Die Verlegung der gesamten französischen Ostgrenze an den Rhein 1801 bedeutete für Preußen, Bayern (damals noch „Baiern“ geschrieben) und andere deutsche Staaten erhebliche Gebietsverluste. Durch den vom napoleonischen Außenminister Talleyrand entscheidend mitgestalteten, vom Reichstag Anfang 1803 beschlossenen Reichsdeputationshauptschluss wurden diese Staaten großzügig auf Kosten von etwa 130 „säkularisierten“ geistlichen und „mediatisierten“ Reichsstädten und kleineren Adelsherrschaften entschädigt. Im Herbst 1803 verleibten sich die größeren deutschen Staaten in verblüffender Einigkeit bei der Missachtung bei anderer Gelegenheit empört verteidigter, angeblich gottgegebener Souveränitätsrechte auch die Kleinst-Gebiete der ungefähr 300 Reichsritterschaften ein („Rittersturm 1803“). Durch die Arrondierung der deutschen Mittelstaaten schuf sich Napoleon an seiner Ostgrenze einen Gürtel von durch Frankreich dominierten Vasallenstaaten. Rahmen für diese Staaten wurde die 1806 von Napoleon initiierte Rheinbund-Konföderation. Zu dem mit Frankreich durch eine Militärallianz verbundenen Rheinbund gehörten 1808 praktisch alle deutschen Staaten außer Preußen und Österreich.
Das Königreich Preußen hatte nach der vernichtenden Niederlage von 1806 nur mit Mühe seine staatliche Existenz retten können. Es hatte die Hälfte seines Territoriums abtreten müssen, blieb zum Teil besetzt und war auf die Stufe einer Halbkolonie herabgesunken. Auch Österreich hatte erheblichen Einschränkungen seiner Souveränität zustimmen müssen. Auf der anderen Seite schuf die neue Situation Raum für eine Anzahl von, fast durchweg adligen, Reformern, die unter dem Eindruck des Versagens der alten Systeme erfolgreich Neuerungen auf den Gebieten der Staatsverwaltung, des Rechts und des Militärwesens durchzusetzen versuchten. In Preußen sind mit diesen Reformen vor allem die Namen Freiherr vom Stein, Scharnhorst und Graf von Gneisenau verbunden. In Österreich war Graf von Stadion ein Motor entscheidender Reformen und im napoleonischen Musterstaat Baiern schuf Graf von Montgelas die Grundlagen eines modernen Verwaltungsstaates.
Am Ende des Jahrzehnts begannen Aufstände das Empire zu bedrohen. In Spanien brach 1808 ein von Großbritannien unterstützter Kleinkrieg („Guerilla“) gegen französische Interventionstruppen aus, den die französische Armee nie ganz niederschlagen konnte. Dagegen scheiterte der Versuch Österreichs 1808/1809, sich Napoleon zu widersetzen, mit einer eindeutigen militärischen Niederlage. Im Frieden von Schönbrunn 1809 musste Wien 600.000 qkm seines Territoriums abtreten. Tiroler Rebellen unter der Führung von Andreas Hofer kämpften allein weiter und wurden rasch vernichtet. Der österreichische Kaiser Franz I. musste zugestehen, dass seine Tochter Marie-Louise Ehefrau von Napoleon werden sollte. Zum Zeitpunkt dieser Demütigung war Franz I. schon kein deutscher Kaiser mehr: 1806 hatte er als Franz II. auf Druck Napoleons die deutsche Kaiserkrone abgelegt. Gleichzeitig damit ging das etwa 1000-jährige Heilige Römische Reich deutscher Nation sang- und klanglos unter.
Auch in Amerika zeigten die Ereignisse in Europa, zumindest indirekt, Wirkung. Napoleon zeigte kein Interesse an dem Aufbau eines nordamerikanischen Kolonialreiches und verkaufte 1803 das formell zur französischen Krone gehörende Louisiana für 15 Millionen US-Dollar an die USA („Louisiana Purchase“). Mit dem Kauf des über zwei Millionen qkm großen Gebiets zwischen Mexiko und Kanada wurde das größte Immobilien-Geschäft der Weltgeschichte abgeschlossen und die USA verdoppelten ihr Territorium. Haiti, seit 1697 eine französische Kolonie, erklärte sch 1804 für unabhängig. Aufstandsanführer Dessalines machte sich nach napoleonischem Vorbild selbst zum Kaiser. Jacques I. wurde 1806 ermordet, Haiti blieb aber unabhängig.
Im übrigen Lateinamerika gärte es ebenfalls. Die Schwäche der spanischen und portugiesischen Monarchien im Zusammenhang mit der teilweisen Eroberung der Iberischen Halbinsel durch Frankreich ab 1807 förderte Unabhängigkeitsbestrebungen. Der portugiesische Hof war 1807 vor Napoleon geflohen und hatte seinen Sitz von Lissabon nach Bahia in der Kolonie Brasilien verlegt. Hier fanden zunehmend Stimmen Gehör, die die Gleichberechtigung Brasiliens mit dem Mutterland forderten. In Ecuador konnte ein Aufstand, der mit der Ausrufung der Unabhängigkeit Ende 1809 begann, zwar von den spanischen Kolonialtruppen noch unterdrückt werden, doch wirkte der Aufstand als eine Initialzündung für den im Folgejahr ausbrechenden Südamerikanischen Unabhängigkeitskrieg.
1803 fand der Hauptvertreter der Empfindsamkeits-Literaturepoche (1740 – 1790), der 1724 geborene Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock („Messias“, 1748) seine letzte Ruhe in Altona. Ebenfalls 1724 geboren wurde der 1804 gestorbene Königsberger Philosoph Immanuel Kant, dessen „Kritik der reinen Vernunft“ zu einem Markstein der modernen Philosophie wurde. 1805 erlag einer der großen Weimarer Klassiker, Friedrich von Schiller, im Alter von 45 Jahren einem Lungenleiden. Das letzte Wort des britischen Premiers William Pitt d. J. (geb. 1759) soll 1806 „Oh! My Country!“ gewesen sein. Am 25.3.1801 starb mit 28 Jahren einer der herausragenden Repräsentanten der Frühromantik: Der Dichter Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg ging unter seinem Dichter-Namen „Novalis“ in die Literaturgeschichte ein. Ein Jahr von seinem Tod hatte er mit den „Hymnen der Nacht“ einen der bedeutendsten Gedichtzyklen der Epoche herausgebracht. Der ebenfalls zu den großen deutschen Frühromantikern gezählte Ludwig Tieck veröffentlichte 1804 seine Märchennovelle „Der Runenberg“. Ein Jahr später veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe mit „Faust. 1. Teil“ eines der Großwerke deutscher Literatur. 1809 starb der österreichische Komponist Joseph Haydn mit 77 Jahren.
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