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DDR Chronik 1990 - Ein Volk – Ein Geld – Ein Land

Nachdem schon im November des Vorjahres, gleich nach dem Mauerfall, die Rufe „Wir sind ein Volk“ anstelle der einstigen Rufe „Wir sind das Volk“ aus Sachsen laut geworden war, rasten die Ereignisse nur so dahin. Wenngleich sehr viele Menschen, denen ein Quäntchen Vernunft eigen war, darauf drangen, im eigenen Land gravierende Veränderungen vorzunehmen, zog es ebenso viele Menschen nur noch zum Geld, zum Westgeld.
„Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles! Ach, wir Armen!“ Ob Goethe das in seinem „Faust“ so gemeint hatte, bleibt fraglich. Tatsache war aber, dass es schon im Februar in Leipzig zu einer Montagsdemonstration kam, auf der ein Transparent die Gemüter erhitzte oder erfreute: „Kommt die DM, bleiben wir. Kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr!“
So unvernünftig diese Forderung auch wahr, so war sie doch in gewisser Weise nachvollziehbar. Dennoch hatten die Fünf Weisen in der Bundesrepublik damals schon in einem

Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl vor einer zu schnellen Wirtschafts- und Währungsunion gewarnt. Sie wurden jedoch nicht erhört.
Zunächst aber begann das Jahr noch vergleichsweise „harmlos“. Der sogenannte „Runde Tisch“ in der DDR hatte eine Große Koalition der Vernunft beschlossen, die bis zu den Neuwahlen Bestand haben sollte. Noch im Januar waren die Waffenkammern des Ministeriums für Staatssicherheit geräumt worden und der Ministerrat der DDR hatte beschlossen, dass vorerst kein Verfassungsschutz aufgebaut werden sollte.
In der Ost-Berliner Normannenstraße im Stadtbezirk Lichtenberg, wo die Stasi ihren zentralen Sitz hatte, gab es eine Demonstration, die sich rasch zu einer Besetzung des Gebäudekomplexes entwickelte. In die Geschichte ging dieses Ereignis als „Erstürmung der Stasi-Zentrale“ ein. Als die Bürger die Zentrale besetzten, glich es tatsächlich einer Erstürmung. Hintergrund der Aktion war vor allem die weitere Vernichtung der Geheimdienstakten zu verhindern, die schon bald nach dem Mauerfall im November des Vorjahres begonnen hatte. An diesem 15. Januar 1990 war mit der Besetzung der Stasi-Zentrale und die Einnahme der Stasi-Verwaltungen auch in anderen Städten des Landes das Ende der Staatssicherheit besiegelt worden. Zu der Kundgebung vor der Stasi-Zentrale hatte die Bürgerbewegung „Neues Forum“ aufgerufen. Dem Ruf waren Tausende gefolgt und aus der Kundgebung wurde eine Aktion, die das Ende des gefürchteten Geheimdienstes herbeiführte. Wie gesagt, die Ereignisse überschlugen sich.
Die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP), die am 7. Oktober 1989, wenige Tage vor dem Mauerfall, in Schwante bei Berlin gegründet worden war, hatte sich am 12. Januar 1990 in SPD umbenannt und im September desselben Jahres kam es zur Vereinigung mit der SPD in den alten Bundesländern. Die Partei, die in der Wendezeit entstanden war, hatte nicht viel Zeit, Eigenständigkeit zu entwickeln. Alles ging zu schnell.
Alle Städte des Landes, das noch immer DDR hieß, entwickeln eine ungeahnte Emsigkeit im „Ausmisten“. Zum Beispiel hatte die Erfurter SED-Bezirkszeitung „Das Volk“ sich von der Partei losgesagt. Sie erschien ab dem 15. Januar als unabhängige Zeitung und hieß nun „Thüringer Allgemeine“.
Derweil wurde die Mauer Stück für Stück weiter abgetragen. Und weil die Mauerteile historisch wertvoll waren, wurden sie von der Außenhandelsfirma „Limex-Bau Export – Import“ verkauft.
Ebenfalls noch im Januar hatte die SED-Genossen Egon Krenz aus ihrer Partei ausgeschlossen. Krenz, der seit dem 17. Oktober 1989 als Nachfolger Erich Honeckers SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR für sieben Wochen gewesen war, hatte sich im Mai 1989 als Leiter der Zentralen Wahlkommission für die Wahlfälschungen vor den Karren der einstigen Regierung spannen lassen und war nach dem Mauerfall wegen Wahlfälschung zur Verantwortung gezogen worden. Außerdem hatte sich Krenz in Sachen Mauerschützen hervorgetan, weswegen er später zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Aber noch musste er mit dem Parteiausschluss zurechtkommen.
Derweil wurde in der DDR volle Gewerbefreiheit gewährt. Das bedeutete unter anderem, dass sich nach einer Joint-Venture-Verordnung Nicht-DDR-Bürger zu 49 Prozent an DDR-Unternehmen beteiligen konnten.
Die für den 6. Juni anberaumten Volkskammer-Wahlen waren aufgrund einer Regierungskrise durch den Austritt von (DDR-)CDU-Ministern auf den 18. März vorverlegt worden.
Nicht nur in der Bevölkerung waren schon Diskussionen über ein wiedervereinigtes Deutschland laut geworden. Und sie wurden immer intensiver geführt. Zudem hatte Ministerpräsident Hans Modrow den Plan „Für Deutschland, einig Vaterland“ veröffentlicht. Auch Bundeskanzler Helmut Kohl hieb in dieselbe Kerbe. Er hatte im Februar schon eine Währungsunion als Ziel angekündigt. Das waren keine Pläne, die für eine schrittweise Veränderung sprachen. Die sozialistische Planwirtschaft stürzte im Laufe des Jahres durch den Staatsvertrag übergangslos in die Marktwirtschaft, der die DDR wirtschaftlich überhaupt nicht gewachsen war.
Mit der Währungsunion am 1. Juli schien für die meisten DDR-Bürger der erste „richtige“ Schritt getan. Das Bargeld und sämtliche Spareinlagen wurden von Ostmark in die „harte“ und ersehnte DM umgetauscht. Die Ära der sogenannten Alu-Chips, wie die DDR-Mark abfällig auch bezeichnet wurde, war endgültig vorbei. Das Ost-Geld wurde nach klaren Regeln umgewandelt. Bürger bis zu 60 Jahren konnten bis 4.000 Ostmark 1:1 umtauschen. Wer mehr hatte, erhielt die Hälfte des eigenen Guthabens in DM. Das gab bei vielen Menschen erneut Unzufriedenheit. Schon im April waren in Ost-Berlin Hunderttausende auf die Straße gegangen, um gegen Sozialabbau und den von der Deutschen Bundesbank vorgeschlagenen Umtauschkurs von zwei DDR-Mark zu einer DM zu demonstrieren.
Eine wirtschaftliche Veränderung war die Gründung der Treuhand und die Umwandlung der Volkseigenen Betriebe (VEB) in Kapitalgesellschaften. Das Haus der Elektroindustrie am Berliner Alexanderplatz wurde der Hauptsitz der Treuhandanstalt. Ihre Aufgabe war es, die Betriebe nach den Grundsätzen der Sozialen Marktwirtschaft zu privatisieren. Auch sollte die „Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen“ gesichert werden. Wenn nichts mehr möglich war, sollten die betreffenden Betriebe stillgelegt werden. Dabei gab es nicht selten Fälle von Fördermittelmissbrauch und Wirtschaftskriminalität.
Auf seiner letzten Sitzung am 12. März hatte der Runde Tisch einen Entwurf zu einer neuen Verfassung der DDR verabschiedet. Am 18. März wurden dann die ersten freien Wahlen zur Volkskammer ausgetragen, bei denen die „Allianz für Deutschland“ ein überraschend hohes Wahlergebnis erzielte. Die Allianz für Deutschland war ein Wahlbündnis, das sich am 5. Februar 1990 zusammenschloss und dem die ehemaligen Blockparteien der DDR Christlich-Demokratisch Union (CDU-Ost) und die neugegründeten Parteien Deutsche Soziale Union (DSU) und Demokratischer Aufbruch (DA) angehörten. Zur Präsidentin der Volkskammer war Sabine Bergmann-Pohl gewählt worden. Von der neugewählten Volkskammer wurde der (Ost-)CDU-Politiker Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten der DDR gewählt. Er bildete eine große Koalition aus CDU, DSU, Demokratischer Aufbruch, SPD und den Liberalen. Maizière hatte sich in seiner Regierungserklärung zur deutschen Einheit bekannt. Damit sprach er vielen DDR-Bürgern aus dem Herzen. Allerdings gab es ebenso viele DDR-Bürger, die nicht an der Einheit interessiert waren. Doch letztendlich konnten sich diese Bürger nicht durchsetzen, wie man weiß.
Bevor die Einheit kam, waren die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen notwendig, die dann zum Staatsvertrag (Zwei-plus-Vier-Vertrag) führten. Geschlossen wurde der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der DDR sowie Frankreich, der Sowjetunion, Großbritannien und den USA. Der Vertrag wurde am 12. September 1990 in Moskau unterschrieben, womit der Weg zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten frei war.
Eile war geboten, obwohl ein sanftes Zusammenwachsen besser gewesen wäre. In den Monaten von Oktober 1989 bis Januar 1990 waren mehr als 300.000 Menschen in die Bundesrepublik übergesiedelt. Diese Abwanderung hätte verheerende Folgen für den Osten Deutschlands gehabt. Die Politik musste reagieren, auch wenn gerade von den Wirtschaftsexperten Warnungen über Warnungen kamen.
Kaum war die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion in Kraft getreten, folgten im Juli die Gespräche beider Regierungen über den Einigungsvertrag. Am 23. August hatte die Volkskammer den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes erklärt und am 31. August kam er zur Unterzeichnung des Einigungsvertrages, der am 20. September vom Bundestag und von der Volkskammer verabschiedet wurde.
Am 3. Oktober 1990 war im Berliner Reichstagsgebäude der erweiterte gesamtdeutsche Bundestag zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten. Es gab wieder ein vereintes Deutschland.

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