Chronik 1866 - Deutscher Krieg, Attentat auf Bismarck, Erfindung des Dynamits

Im Deutschen Bund zeichnete sich eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Führungsmächten Österreich und Preußen sowie deren jeweiligen Verbündeten. Im April hatten Preußen und Italien den „Preußisch-Italienischen Allianzvertrag“ geschlossen, mit dem beide Staaten ein Offensiv- und Defensivbündnis eingingen für den Fall eines Krieges gegen Österreich. Das wäre dann gezwungen, einen Zweifrontenkrieg zu führen. Im Juni 1866 kam es zwischen dem französischen Kaiser Napoleon III. (1808-1873) und dem Kaisertum Österreich zu einem Geheimvertrag. Um den Preis der Neutralität Frankreichs im drohenden deutschen Krieg, versprach Österreich im Fall eines Sieges, Venetien an Frankreich zu abzugeben. Im Juni trat Preußen nach einem Mehrheitsbeschluss aus dem Deutschen Bund aus. Letztendlich hatte der Sieg Preußens und seiner Verbündeten in jenem Krieg gegen den Deutschen Bund die Auflösung des Bundes zur Folge. Preußen hatte den Deutschen Bund ohnehin schon im Vorfeld als erloschen betrachtet. Es gründete 1866 den Norddeutschen Bund und übernahm die politische Vormachtstellung unter den deutschen Ländern – eine Vorstufe für die Vollendung einer Kleindeutschen Lösung im Jahr 1871. Nun hatte sich der politisch engagierte Student Ferdinand Cohen-Blind (1844-1866) entschlossen, der zunehmenden Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen Preußen und Österreich ein Ende zu setzen und den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (1815-1898) durch ein Attentat zu töten. Seit die Gerüchte über die Mobilmachung ab Mai 1866 die Menschen ängstigten und auch die Börse mit Panik reagierte, herrschte eine aufgebrachte Stimmung gegen Otto von Bismarck. Er war der am meisten gehasste Mann im Frühjahr jenes Jahres. Das Attentat war deshalb keine große Überraschung. Der Student Cohen-Blind, der Bismarck mit fünf Schüssen attackiert hatte, die wegen der dicken Winterkleidung dem Opfer kaum Schaden zugefügt hatten, wurde von vorbeimarschierenden Soldaten festgenommen, die zufällig Unter den Linden Zeuge des Attentat-Versuchs geworden waren. In einem unbeobachteten Moment während des Verhörs im Polizeipräsidium durchtrennte sich Cohen-Blind die Halsschlagader. Er verstarb am folgenden Morgen. In der Schweiz kam es in jenem Jahr 1866 zu einer bedeutenden Firmengründung. Der deutschstämmige Schweizer Unternehmer und Industrielle Henri Nestlé (1814-1890) gründete sie. Im Vorjahr hatte der Chemiker Justus von Liebig (1803-1873) das erste Fertigprodukt für Säuglinge entwickelt. Dessen Rezeptur wurde von Nestlé verändert und im Folgejahr 1867 zu einer Art Milchpulver entwickelt, das dann als „Henri Nestlés Kindermehl“ auf den Markt kam und ein riesiger Erfolg wurde. Die Firma musste umgerüstete werden, um mit der Massenproduktion fertig zu werden. Im Jahr 1875 verkaufte Nestlé seine gut gehende Firma, sein Name aber blieb über die Jahrzehnte erhalten. Mit einer sehr friedlichen Angelegenheit wird der Name Alfred Nobel heute verbunden, wenn man an die Verleihung der Nobel-Preise denkt. Im Jahr 1866 gelang dem schwedischen Chemiker und Erfinder Alfred Bernhard Nobel (1833-1896) eine Erfindung mit weit reichenden Folgen. Ob es ein Zufall war, was Nobel stets bestritten hatte, oder eine gezielte Erfindung, sei dahingestellt. Auf jeden Fall fiel diese Erfindung in das Jahr 1866. Nobel hatte schon längere Zeit mit Nitroglycerin experimentiert, bis schließlich sein Laboratorium 1864 bei einer Explosion zerstört wurde. Fünf Menschen, darunter Nobels Bruder, kamen dabei ums Leben. Innerhalb Stockholms verboten ihm die Behörden weitere Experimente wegen der enormen Gefährlichkeit. Nobel verlegte daraufhin seine Fabriken und Experimentierwerkstätten. Er wollte die Gefahren des Nitroglycerins bei gleicher Sprengkraft verringern und machte Versuche mit zahlreichen Zusatzstoffen. Die Legende überliefert einen Zufall. Bei einem Zwischenfall, der sich 1866 ereignete, kam reines Nitroglycerin mit Kieselgur zusammen. Nun gelang Nobel die ersehnte Herstellung eines Sprengstoffes, der sicherer in der Handhabung war. Er ließ ihn im Folgejahr patentieren und nannte ihn Dynamit.
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Ereignisse & Schlagzeilen 1866
5. Januar
Uraufführung der Oper Die Brandenburger in Böhmen von Bedrich Smetana in Prag
11. Januar
Das britische Passagierschiff London gerät im Golf von Biskaya in einen Sturm und sinkt, 220 der 239 Menschen an Bord kommen um.
Im Februar
Der Ku-Klux-Klan wird in Pulaski/Tennessee gegründet.
1. Februar
In der Kopenhagener Presse erscheinen die ersten Meldungen der frisch gegründeten dänischen Nachrichtenagentur Ritzau.
5. Februar
Uraufführung der Operette Barbe bleue von Jacques Offenbach am Théâtre des Variétés in Paris
7. Februar
Der Hamburger Ruderclub Allemannia wird gegründet.
11. Februar
Eine konspirative Gruppe von Militärs dringt in den Palast des reformorientierten ersten Fürsten von Rumänien Alexandru Ioan Cuza ein und zwingt diesen zur Abdankung.
Im März
Das Fürstentum Liechtenstein wird selbstständig.
26. März
Karl von Hohenzollern-Sigmaringen wird zum neuen Fürsten von Rumänien erhoben.
9. April
In den USA wird der erste Civil Rights Act beschlossen, der allen dort Geborenen das Bürgerrecht gewährt, es sei denn, dass es sich um Indianer handelt.
16. April
Der russische Revolutionär Dimitri Karakosow versucht ein Attentat auf Zar Alexander II. in St. Petersburg. Es misslingt durch das Eingreifen des Bauern Kommissarow.
14. Mai
Die Bark General Grant kommt vor den Auckland-Inseln vom Kurs ab, prallt auf die Klippen und wird von der Flut in eine felsige Höhle geschoben, wo sie stecken bleibt und schließlich sinkt. 68 Passagiere und Besatzungsmitglieder sterben.
16. Mai
Der Asteroid Sylvia wird entdeckt mit eigenem Mini-Planeten-System Romulus und Remus.
27. Mai
Uraufführung der Oper Astorga von Johann Joseph Abert in Stuttgart
30. Mai
Uraufführung der Oper Die verkaufte Braut von Bedrich Smetana in Prag
8. Juni
Das Parlament der Provinz Kanada findet sich zu seiner ersten Sitzung im Gebäude auf dem Parliament Hill in Ottawa ein.
9. Juni
Einschlag des etwa 500 kg schweren Knyahinya-Meteoriten im Nordosten von Österreich-Ungarn, der heute zur Ukraine gehört. Er galt lange Zeit als der schwerste Meteorit in historischer Zeit.
14. Juni
Wegen unterschiedlicher Vorstellungen über den Status Schleswig-Holsteins kommt es zwischen Preußen und Österreich zum Krieg. Österreich verlangt die Bundesexekution gegen Preußen. Preußen tritt nach dem Mehrheitsbeschluss aus dem Deutschen Bund aus.
15. Juni
Der Asteroid Thisbe wird entdeckt.
15. Juni
Preußen stellt den Königreichen Hannover und Sachsen sowie Kurhessen ein Ultimatum, nachdem diese einer Bundesexekution im Deutschen Bund gegen Preußen zugestimmt haben. Die Ablehnung dieser Forderung führt am selben bzw. am folgenden Tag zur Kriegserklärung und dem Einmarsch preußischer Truppen.
24. Juni
In der Schlacht bei Custozza scheitert im Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg der Versuch, Venetien und das Trentino vom Kaisertum Österreich zu erobern.
27. Juni
Die Schlacht bei Langensalza zwischen Preußen und Hannover im Deutschen Krieg gewinnen die Hannoveraner.
28. Juni
Im Deutschen Krieg erzielen die Preußen Erfolge über die Österreicher. Sie gewinnen sowohl die Schlacht bei Trautenau als auch die Schlacht bei Skalitz.
29. Juni
In der Schweizer Kleinstadt Murten tötet ein Zirkuselefant seinen Wärter und entkommt. Er kann erst nach längerer Jagd durch die Zirkustruppe und die Einwohner der Stadt durch einen Kanonenschuss getötet werden.
Im Juli
Nach dem verlorenen Deutschen Krieg schließen die süddeutschen Staaten Bayern (22. August), Württemberg (13. August) und Baden (17. August) mit Preußen Schutz- und Trutzbündnisse. Sie gelten gleichzeitig als Friedensverträge.
Im Juli
Alfred Nobel erfindet das Dynamit.
Im Juli
Emil Mariot entwickelt den Öldruck (Drucktechnik)
3. Juli
Schlacht von Königgrätz. Preußen besiegt Österreich
3. Juli
Nach dem Sieg preußischer Truppen in der Schlacht bei Königgrätz über Österreichs Armee komponiert der Militärmusiker Johann Gottfried Piefke abgeblich noch auf dem Schlachtfeld den Königgrätzer Marsch.
8. Juli
Prag wird im Preußisch-Österreichischen Krieg kampflos von den Preußen besetzt.
10. Juli
In der Schlacht bei Bad Kissingen besiegen im Deutschen Krieg preußische Korps Einheiten der zur deutschen Bundesarmee gehörenden bayerischen Truppen.
12. Juli
Im Hafen von Newcastle sinkt der australische Passagierdampfer Cawarra in einem schweren Sturm. Von den 62 Menschen an Bord überlebt nur einer.
12. Juli
Schlacht bei Zorn
Scharmützel zwischen nassauischen und preußischen Truppen in dem Ort Zorn (heute Ortsteil von Heidenrod im Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen).
20. Juli
Seeschlacht von Lissa. Die österreichische Flotte besiegt Italien.
21. Juli
Im Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg gelingt den Italienern unter Giuseppe Garibaldi der einzige Sieg gegen österreichische Truppen.
26. Juli
Preußen und Österreich unterzeichnen den Vorfrieden von Nikolsburg.
27. Juli
Das erste Telegraphenkabel über den Atlantik ist dauerhaft betriebsfertig
Im August
Paulus Melchers wird Erzbischof von Köln.
Im August
Der Roman Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewski wird veröffentlicht
24. August
In Wien verbreitet sich eine Cholera-Epidemie. Die Seuche war zuvor im preußischen Heer ausgebrochen, das während des Deutschen Kriegs nach Österreich vorgerückt war. Auch in Niederösterreich wütet der Erreger, der bis November ungefähr 15.000 Menschen das Leben kostet.
20. August
Mit diesem Tag wird offiziell das Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs angegeben. Es wird von US-Präsident Andrew Johnson im Act of 2 March, 1867 festgehalten.
23. August
Frieden von Prag, Österreich und Preußen beenden den Deutschen Krieg.
24. August
Selbstauflösung des Deutschen Bundes in Augsburg.
Im September
Gründung des Orchester Berliner Musikfreunde e.V.
3. September
Friedensvertrag zwischen Königreich Preußen und Großherzogtum Hessen
Reparationen, Gebietsabtretung und Regelung der künftigen Beziehungen Hessens zum Norddeutschen Bund
3. September
Mit Verabschiedung des Indemnitätsgesetzes durch das Abgeordnetenhaus wird der schwelende Verfassungskonflikt um die preußische Heeresreform beendet. Es entsteht in diesem Zusammenhang die Nationalliberale Partei aus den Reihen von Parlamentariern der Fortschrittspartei, die dem Gesetz zugestimmt haben.
5. September
Am jüdischen Neujahrsfest wird die Neue Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße in Anwesenheit von Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck feierlich eingeweiht.
8. September
Aus Chicago wird die erste Mehrlingsgeburt von Sechslingen berichtet. Zwei Babys sterben nach der Geburt, den anderen vier Kindern von James und Jennie Bushnell ist ein langes Leben beschert.
14. September
Das preußische Indemnitätsgesetz tritt in Kraft. Der Heeres- und Verfassungskonflikt ist damit beigelegt.
21. September
Einzug der siegreichen preußischen Armee in Berlin nach der Schlacht bei Königgrätz.
3. Oktober
Frieden von Wien. Friedensschluss zwischen Italien und Österreich über die Beendigung des Deutschen Krieges in Oberitalien.
3. Oktober
Der amerikanische Passagierdampfer Evening Star sinkt 180 Seemeilen östlich von Tybee Island in einen schweren Orkan. 262 Passagiere und Besatzungsmitglieder sterben .
31. Oktober
Uraufführung der Operette Pariser Leben von Jacques Offenbach am Théâtre du Palais-Royal in Paris
Im November
Gründung des Art Institute of Chicago
16. November
In Frankfurt erscheint die Frankfurter Zeitung und Handelsblatt. Die Zeitungsherausgabe war dem Verleger von der preußischen Besatzungsmacht drei Monate lang untersagt.
17. November
Uraufführung der Oper Mignon von Ambroise Thomas an der Opéra-Comique in Paris