RAF - Die dritte Generation
Die drei „Generationen“ von RAF-Terroristen unterschieden sich erheblich in ihrer Ideologie, Zielsetzung ihrer Aktionen und der Brutalität und Rücksichtslosigkeit der Umsetzung voneinander. Die ersten Aktivisten setzten sich, enttäuscht von den Ergebnissen der Protestbewegungen Ende der sechziger Jahre, eine gewaltsame Zerstörung des „staatlichen Herrschaftsapparates“ und darüber hinaus eine Mobilisierung der Massen zum Ziel. Ihre Nachfolger zielten mit ihren Gewaltverbrechen auf eine Freipressung der Terroristen der „ersten Generation“, was letztlich im „Deutschen Herbst“ 1977 endgültig scheiterte.
Die letzte „Generation“ agierte orientierungslos, desillusioniert und gesellschaftlich isoliert. Zwar „spielte“ sie mit der Vorstellung einer Internationalisierung des Terrorismus, doch vermochte sie niemals auch nur ansatzweise ein theoretisches Konzept für ihre Aktionen zu entwickeln. Folgerichtig schlug eine anfangs bestehende Sympathie in linken gesellschaftlichen Kreisen in Entsetzen und Ablehnung des Terrorismus um.

Versuch einer Neustrukturierung nach dem „Deutschen Herbst“ 1977
In Folge der Niederlage im „Deutschen Herbst“ 1977 geriet die RAF unter erhöhten Fahndungsdruck der Behörden. Einerseits versuchten sich verbliebene Anhänger zu reorganisieren, andererseits demoralisierten die Ereignisse einen Teil der Terroristen. Diese „Aussteiger“ erhielten über das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) die Möglichkeit, in der DDR mit neuen Identitäten unterzutauchen.
Die restlichen Mitglieder der „zweiten Generation“ um Brigitte Mohnhaupt und Helmut Pohl versuchten durch Überfälle auf Banken und Waffengeschäfte eine neue Logistik für Anschläge zu organisieren. Zusätzlich durchliefen sie paramilitärische Ausbildungen in Palästinenserlagern im Jemen und erhielten Unterstützung durch die Staatssicherheit der DDR.
Die Anschläge im August und September 1981 auf die US-Air Base in Ramstein und US-General Frederick Kroesen rechtfertigte die RAF in ihrem „Mai-Papier“ 1982 als Kampf gegen den „militärisch-industriellen Komplex“ der BRD und der NATO. Gleichzeitig stilisierte sie sich als Avantgarde einer westeuropäischen antiimperialistischen Front. Bald danach entdeckten Behörden der Bundesrepublik mehrere Waffenlager und konnten Mohnhaupt, Pohl und weitere RAF-Mitglieder verhaften.

Aktivitäten der „Dritten Generation“
Die sogenannte „dritte Generation“ der RAF um Eva Haule, Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams wurde Ende 1984 aktiv. Sie berief sich auf die ideologischen Leitlinien ihrer Vorgängergeneration. Ohne wirkliche strategische Reflexionen agierten die Terroristen mit zunehmender Brutalität und Kaltblütigkeit. Für den Staat blieb diese „Generation“ mysteriös. Nur Haule und Hogefeld konnten verhaftet werden. Grams (1993) und Horst Ludwig Meyer (1999) wurden erschossen. Nach drei Mitgliedern, Ernst-Volker Straub, Daniela Klette und Burghard Garweg, wird noch gefahndet. Von geschätzten zehn bis fünfzehn weiteren Personen blieben Namen und Gesichter bis heute unbekannt.
Zwischen Dezember 1984 bis April 1991 verübte die RAF mehrere Mord- und Sprengstoffanschläge:
  • 18.12.1984 Versuchter Sprengstoffanschlag auf die NATO-Schule Oberammergau
  • 01.02.1985 Ernst Zimmermann, Vorstandsvorsitzender der Motoren- und Turbinen-Union (MTU) und Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V., in Gauting bei München erschossen
  • 08.08.1985 Ermordung Edward Pimentals und Anschlag auf die US-Air Base Frankfurt am Main mit zwei Toten und elf Verletzten
  • 09.07.1986 Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und sein Chauffeur Eckhard Groppler wurden durch einen Bombenanschlag getötet
  • 10.10.1986 Gerold von Braunmühl, Diplomat im Auswärtigen Amt, durch zwei bis heute nicht ermittelte Täter erschossen
  • 20.09.1988 Versuchter Mord an Hans Tietmeyer, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium
  • 30.11.1989 Ermordung Alfred Herrhausens, Chef der Deutschen Bank
  • 27.07.1990 Hans Neusel, Staatssekretär im BMI überlebte Anschlag nur knapp
  • 01.04.1991 Der Präsident der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, in seinem Wohnhaus in Düsseldorf erschossen.

Der Terror richtete sich zunehmend gegen „RAF-untypische“ Opfer. Braunmühl war Gegner des amerikanischen Raketenabwehr-Projekts, Herrhausen setzte sich für Schuldenerlass für die Dritte Welt ein und Rohwedder arbeitete für den ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat. Spätestens mit dem Mord am US-Soldaten Pimental im August 1985, allein um an seine ID-Card für die Rhein-Main Air Base zu kommen, wurde die Isoliertheit der RAF in der Gesellschaft der Bundesrepublik offensichtlich. Sie konnte auf kein Sympathisantennetz mehr zurückgreifen. Dieser Mord löste selbst bei einigen inhaftierten RAF-Mitgliedern Unverständnis aus.
Im Gegensatz zu den ersten „Generationen“ der RAF beschränkte sich der Internationalismus der letzten Vertreter nicht mehr nur auf vage Solidaritätsbekundungen, sondern zielte auf die Herstellung einer internationalen Front gegen die „imperialistische Bourgeoisie“ bzw. gegen die NATO als „Kern der imperialistischen Macht“. Die Terroristen versuchten ihre eigene europäische Einheit voranzutreiben, insbesondere mit französischen, italienischen und belgischen Terrorgruppen. Dieser Anspruch scheiterte jedoch trotz einiger gemeinsamer Aktionen und logistischer Unterstützung bereits Mitte der achtziger Jahre am Autonomiebeharren der einzelnen Organisationen. Paradoxerweise zeigten sich in den Bemühungen staatlicher Behörden, die europäische Terrorismusbekämpfung auf EU-Ebene zu koordinieren, ähnliche Schwierigkeiten.

Staatliche Deeskalation und Auflösungsprozess der RAF
Anfang 1992 leitete Bundesjustizminister Klaus Kinkel eine Deeskalationspolitik seitens der BRD ein, indem er für einen Gewaltverzicht Hafterleichterung und Entlassung schwerkranker RAF-Häftlinge anbot. Einige Mitglieder der Terrororganisation gingen auf dieses Angebot ein und erklärten einen Gewaltverzicht gegen Personen. Mit dem Sprengstoffanschlag auf die neugebaute JVA Weiterstadt am 27. März 1993 verdeutlichte die RAF ihre neue Strategie, Sachschaden zu verursachen, ohne dabei Menschen zu verletzen.
Bei dem GSG-9-Einsatz am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen, um Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld festzunehmen, starben Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella. Daraufhin erklärten RAF-Hardliner um Brigitte Mohnhaupt eine Aufspaltung der RAF. Die Mehrheit der in der Illegalität aktiven wie auch der gefangenen RAF-Mitglieder fand sich 1994 zu einem allgemeinen Gewaltverzicht bereit. In den Folgejahren wurden mehrere RAF-Inhaftierte entlassen.
Am 20. April 1998 erklärte die Terrororganisation ihre Selbstauflösung und das Scheitern ihres „Projektes“. Trotz des Eingeständnisses einzelner Fehler sind ein Schuldeingeständnis, Reue, Gesten der Entschuldigung oder eine Bitte um Vergebung den Angehörigen der Terroropfer gegenüber bis heute ausgeblieben.

Literatur zur Seite
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