Franz Liszt Leben
Ja, das Leben war so, es war sogar noch
unbarmherziger! Franz Liszt, dem die
drei Jahre seit seiner Ankunft in Paris wie ein Wimpernschlag vorkamen,
erinnerte sich an jenen Dezembertag, der ihm die bis dahin schlimmste
Qual seines Lebens bereitet hatte. Doch das war nichts im Vergleich zu
dem Schmerz, den der Tod des Vaters in ihm verursachte. Jetzt, da er
hier, in Boulogne-sur-Mer im Hotel eines befreundeten Engländers saß
und auf das Bett starrte, in dem der Vater vor wenigen Stunden seinen
letzten Atemzug getan hatte, kam ihm die Welt leer und unwirklich vor.
Er selbst hatte gerade anfangen, seine Heiterkeit wiederzufinden, hatte
sich von den übergroßen Anstrengungen der Erfolge erholt, berauschte
sich an der guten Luft der kleinen Hafenstadt im Norden, genoss den
Kuraufenthalt und musste dabei zusehen, wie es dem Vater immer
schlechter ging. Und heute, am frühen Morgen war er in den Armen
des Sohnes gestorben. Franz hatte sich gefühlt, als stürbe er in diesem
Augenblick selbst, denn die Zeit zog an seinem inneren Auge vorbei, als
hätte sein Leben ohne den Vater keine Zukunft mehr.
Ja, der Vater hatte es damals, nach dem grausigen Dezembertag,
geschafft, ihm neue Wege zu eröffnen. Gleich am nächsten Tag
war er im Hause der Familie Érard, die direkt gegenüber wohnte,
Fernando Paër begegnet. Eigens an diesen war ein Brief Metternichs
gerichtet, den Adam Liszt ihm, die günstige Gelegenheit wahrnehmend,
überreichte. Paër war Professor der Musik und seine Opern waren
in Paris sehr erfolgreich. Er betonte, dass es ihm eine Ehre sei, dem
berühmten Knaben Unterricht in Komposition geben zu dürfen. Franz
fühlte beinahe so etwas wie ein mitleidiges Lächeln, als er daran
dachte,
wie gern ihm Paër erzählte, dass seine Oper „Leonora“, der derselbe
Stoff wie Beethovens „Fidelio“ zugrunde liegt, immerhin ein Jahr vor
Beethovens Werk uraufgeführt wurde. Dieser Italiener! Franz hatte sehr
viel über ihn und seine Werke gelernt. Doch dessen ungeachtet hatte
Paër ihm sehr viel freie Hand gelassen für sein eigenes Schaffen und
die erste Oper „Don Sancho oder das Liebesschloss“ verdankte er auch
der Initiative seines Lehrers. Sie kam sogar zur Aufführung, denn Paërs
Einfluss in den musikalischen Kreisen, vor allem bei Hofe, war nicht zu
unterschätzen. Schließlich war er damals schon mehr als zehn Jahren
lang Kapellmeister der Italienischen Oper in Paris.
Franz
Liszt dachte an England >>>
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