Franz Liszt Geschichte

Was niemand mehr zu hoffen gewagt hatte, geschah. Als der Herbst ins Land zog, begann Franzl sich zu erholen. Er sprang wieder im Garten herum und seine Spielgefährtin, die kleine Kirvi, war ihm wie eine Schwester. Der Vater hatte sie eines Tages mit ins Haus gebracht, um ihr übergangsweise ein Heim zu geben. Kirvi war ein verwaistes Zigeunermädchen mit langen schwarzen Zöpfen. Wenn sie lachte und sang, war es, als breitete sich ringsum eine große Heiterkeit aus. Sie war im gleichen Alter wie Franzl, hatte ebensolche braunen Augen wie er und war auf ihre Art genauso melancholisch. In ihrer Gegenwart war der Junge aufgeschlossen, so wie er es auch bei seinem Freund Adolf war, dessen Eltern, die Frankenburgs, seine Taufpaten waren. Von der langer Krankheit war Franzl inzwischen kaum noch etwas anzumerken. Manchmal saßen die Kinder im Garten, schienen nur still in die Gegend zu schauen. Meist war es dann Kirvi, die die Stille unterbrach und den kleinen Franz überredete, mit ihr zum Szegszarder Wald zu gehen. Dort, etwas außerhalb des Dorfes, im Wald hinter dem Hügel, lebten Zigeuner.
Franzl kannte sie vom Sehen. Sie kamen oft ins Dorf, tanzten, sangen und musizierten. Von ihren Melodien war der Junge schier hingerissen. Wenngleich Adam Liszt die unordentliche Musik, wie er sie nannte, nicht guthieß, so maß er doch der Schwärmerei des Jungen keine große Bedeutung bei. Franzl schien gesund zu sein, und nur das zählte. Einmal, zur Mittagsstunde, stand der Junge am Klavier und hörte dem Vater beim Spielen zu. In jener Zeit stand Ferdinand Ries in hohem Ansehen. Einst Beethovens Schüler, war seinen Werken der Einfluss des Meisters anzuhören.
Adam Liszt liebte diese Stücke. Das Konzert in cis-moll, das er an jenem Mittag spielte, hatte er besonders gern. Obwohl er scheinbar aufmerksam zuhörte, war Franzl keine Reaktion anzusehen. Der Vater hatte das auch nicht erwartet. Umso erstaunter war er, als der Junge abends aus dem Garten kam und eben dieses Thema vor sich hin trällerte. „Anna! Anna!“, rief er begeistert. Seine Frau kam erschrocken herbeigeeilt. Als sie ihren Mann aber mit strahlendem Gesicht sah, war sie nur verwundert. Sie stand abwartend. Adam Liszt trat neben sie, bat seinen Sohn, die Melodie noch einmal anzustimmen, die er beim Hereinkommen gesungen hatte. Der Junge sang, wusste jedoch nicht, was der Vater bezweckte. Fehlerfrei kamen dem Sohn die Töne über die Lippen, auch ein zweites Mal. Adam Liszt wechselte einen glücklichen Blick mit seiner Frau. Und als Franzl die fröhliche Stimmung nutzte und darum bat, der Vater möge ihn doch im Klavierspiel unterweisen, kannte dessen Freude keine Grenzen. Endlich! Endlich nahmen seine Träume wieder Gestalt an.  
Der Eifer, mit dem Liszt den Sohn unterrichtete, war ebenso groß wie die Strenge, die er dabei walten ließ. Franzl liebte seinen Vater mit einer gewissen Scheu, bewunderte ihn und kam niemals auf den Gedanken, ihm zu widersprechen oder gar unfolgsam zu sein. Die väterlichen Worte waren Gesetz im Haus und die hohen Maßstäbe, die der Vater in allen, hauptsächlich moralischen, Dingen anlegte, ließen ihn doch niemals ungehalten gegen seine Familie sein.
Er war von gutmütigem und hilfsbereitem Charakter. Nur beim Unterricht, wenn Franzl eine Ungeschicklichkeit beging, wurde er sehr wütend und in seiner Ungeduld sparte er nicht mit Ohrfeigen oder gar einer Tracht Prügel. Für Franzl waren das sehr verwirrende Momente und er gab sich die größte Mühe, dem Vater alles Recht zu machen. Dabei war es keineswegs Unvermögen, wenn ihm eine Tollpatschigkeit widerfuhr.
Er war zu eifrig, warf die Finger über die Tasten, geriet ganz aus dem Häuschen und es kam vor, dass er die Nase zu Hilfe nahm, wenn ihm die kleinen Hände nicht ausreichten. Gewiss, es sah sehr ungelenk aus. Doch die Musikalität, die der Vater immer zu entdecken gehofft hatte,
war weit größer in dem Jungen vorhanden als bei ihm selbst. Das hatte Liszt sehr bald erkannt, sah in seinem Sohn sogar ein Genie heran wachsen und gerade deshalb ließ er nichts durchgehen. Er wollte das Beste für Franzl – und für sich.

In erstaunlicher Geschwindigkeit lernte der Junge Noten zu lesen...

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