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Das Jahr 1011 - spannende Ereignisse, drohende Gefahren


Wie die Welt vor hundert Jahren aussah, haben die Großeltern der Generation erlebt, die heute selbst schon Enkel hat. Mancher Mensch älteren Jahrgangs kann sich an die Erzählungen der Großeltern noch erinnern. Möglicherweise.
Deutschland reichte 1911 bis nach Ostpreußen an die russische Grenze. Damals, zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts, war es das Deutsche Kaiserreich. Dieser politische Status war die Folge des Deutsch-Französischen Krieges, der 1871 mit dem Sieg Preußens endete. Otto von Bismarck ging als erster Reichskanzler in die Geschichte ein. Das Kaiserreich stand 1911 noch unter der Herrschaft von Kaiser Wilhelm II., der bis 1918 Staatsoberhaupt und zugleich der letzte deutsche Kaiser war. Bereits 1890 erbat Bismarck gezwungenermaßen um seine Entlassung. Fortan hatte das Land zwar einen Kaiser, aber keinen fähigen Koordinator mehr. Im Jahre 1911 war Theobald von Bethmann-Hollweg schon zwei Jahre als Reichskanzler im Amt. Während seine Vorgänger im Vergleich zu Bismarck keine Durchsetzungskraft hatten, sondern sich dem Willen des Kaisers fügten, zeigte Kanzler Bethmann-Hollweg in seiner Amtszeit bis 1917 überparteiliche Bemühungen. Sein Bestreben, Sozialdemokraten und Konservative ausgleichend miteinander zu verbinden, fand Lob und Anerkennung, zugleich viel Kritik und
Ablehnung. Außen- und innenpolitische Konflikte schwelten. Die Arbeit der Massenverbände und Parteien bekam mehr Beachtung. Die kaiserliche Politik war antisozialdemokratisch. Die Bevölkerung war hin und her gerissen. Während sich viele Menschen von der Attraktivität der Flottenrüstung blenden ließen, versuchten andere, wachsame Kreise, vor einem Krieg zu warnen. Die Außenpolitik des Deutschen Kaiserreiches war um 1911 geprägt von Weltmachtstreben. In Europa brodelte es. Die deutsche Regierung hatte die Beilegung der ersten Marokko-Krise bereits mit Misstrauen beobachtet, fürchtete um den kolonial-politischen Status in Afrika. Und nun hatte Frankreich Militär nach Marokko entsandt, um aufständische Berberstämme zu beruhigen. Darauf reagierte das Deutsche Kaiserreich mit einem „Panthersprung“. Der Begriff ging tatsächlich so in die Geschichte ein, denn das Kanonenboot, das in das Krisengebiet geschickt wurde, hieß „SMS Panther“. Diese Aktion schreckte England und Russland auf. Die Folge war eine Aufrüstung in beiden Ländern. Die Streitereien konnten 1911 vertraglich beigelegt werden. Die Deutschen gaben ihre Ansprüche in Marokko auf, wurden von Frankreich territorial entschädigt, fügten sich scheinbar in die Situation. Doch die Gebiete, die Frankreich an das Deutsche Reich abgetreten hatte, befriedigten die deutsche Regierung keinesfalls. Damit erhöhte sich die Kriegsgefahr, denn die Konflikte zwischen den europäischen Mächten verschärften sich zusehends und auch im eigenen Land war der Einfluss des Militärs zu spüren.
In den letzten Jahrzehnten hatte sich in allen Lebensbereichen ein großer Wandel vollzogen. Der Fortschritt hatte aus einem landwirtschaftlich orientierten Land ein von der Industrie beherrschtes Kaiserreich gemacht. Die Städte hatten sich ausgedehnt. Immer mehr Menschen siedelten vom Land in die Stadt um. Schon in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts waren sogenannte Mietskasernen entstanden, Behausungen, die dem Traum vom besseren Leben nicht unbedingt gerecht wurden, für die Unterbringung vieler Menschen jedoch notwendig geworden waren. Diese Mietskasernen reihten sich in den großen Städten in die Architektur der Gründerzeit ein. Die Städteplaner hatten sich beim Entwerfen mehrerer Hinterhöfe etwas gedacht. Ein Hinterhof musste mindestens so groß sein, dass eine Feuerwehrspritze problemlos darin Platz zum Wenden hatte. Schließlich mussten viele Familien auf kleinstem Grundstücksplatz untergebracht werden. Die Häuser waren verschachtelt, in die Hinterhöfe fiel kaum Licht und die Bewohner der Mietskasernen gehörten stets der ärmeren Bevölkerungsschicht an. Das
besondere Milieu der Hinterhaus-Atmosphäre konnte niemand zeichnerisch so gut umsetzen wie der Maler Heinrich Zille. Er wurde zum künstlerischen Inbegriff kleiner Leute in Berlin und jeder wusste, was gemeint war, wenn von „seinem Milljöh“ gesprochen wurde.
Längst war die neuere Architektur der Städte zu einer Architektur des Notwendigen geworden. Wenn sie auch durch Schlichtheit auffiel, so war sie doch funktional. Aber die Mietskasernen gehörten nicht zur aufstrebenden Bauhaus-Architektur, die in der Kunst mit der Moderne gleichgesetzt wurde. Die Architekten und Bildhauer Henry van de Velde, Walter Gropius und Lyonel Feininger seien stellvertretend genannt. Diese Künstler hatten großen Einfluss auf die Innenarchitektur und die Malerei. Funktionales Design, schnörkelloses Bauen, das war der Trend der Zeit.
Die Bevölkerung wuchs unaufhaltsam. Knapp 50 Millionen Menschen lebten 1890 im Deutschen Kaiserreich. Um 1911 waren es etwa 65 Millionen. Das Land füllte sich zusehends und die Menschen äußerten ihre Meinung zu den innen- und außenpolitischen Gegebenheiten. Es gab Demonstrationen und organisierten Widerstand. Herausragende Persönlichkeiten jener Zeit, die sich politisch für den Frieden, für Frauenrechte und die Arbeiter engagierten, waren u.a. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Clara Zetkin. Der Begriff „Sozialistische Arbeiterbewegung“ war seit dem Ende des letzten Jahrhunderts mit Leben erfüllt.
Da es immer enger in den Städten wurde, wuchs die Sehnsucht, sich in der Natur aufzuhalten und dort Erholung zu finden. Das Wort Urlaub war noch nicht üblich. Man fuhr in die Sommerfrische. Wohlhabende Bürger bevorzugten Seebäder oder reisten in die Alpen. Hotels und Pensionen warben mit ihrer idyllischen Umgebung. Und es gab auch die Wohltätigkeitsvereine, die es mittellosen Eltern ermöglichten, ihre Kinder in sogenannte Ferienkolonien zu schicken. Damit waren in jedem Fall Gesundheit und ausreichende Ernährung verbunden, was für den Großteil der Bevölkerung keineswegs selbstverständlich war.
Die sportlichen Aktivitäten füllten nicht nur die Freizeit. Längst gab es den Leistungssport. Allen voran erfreute sich der Fußball großer Beleibtheit. Während gerade dieser Sport noch bis zum Ende des letzten Jahrhunderts ein Privileg von Gymnasiasten war, verbreitete er sich mit der Gründung des Deutschen Fußball-Bundes im Jahr 1900 zu einem Breitensport, doch nur für Männer. Regionale Verbände schlossen sich unter dem Dachverband zusammen und 1904 wurde schließlich der Weltfußballverband gegründet, die FIFA. Die erste Weltmeisterschaft fand 1930 statt. Viele Sportarten hatten 1911 bereits ihre Daseinsberechtigung und enorme, öffentliche Aufmerksamkeit. Da war die Rallye Monte Carlo, die man heute als die „Mutter“ jeglichen Rallyesports bezeichnet. Die Erst-Austragung fand 1911 statt. Man nannte sie Sternfahrt. Eigentlich sollte sie vor allem Wintersportgäste nach Monaco bringen. Von Genf, Paris, Boulogne-sur-Mer, Berlin, Wien und Brüssel starteten am 21. Januar 1911 zwanzig Rallye-Teilnehmer, die nach und nach in Monaco eintrafen. Das Automobil hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Als Geburtsstunde des modernen Autos gilt übrigens das Jahr 1886, als Carl Benz seine Entwicklung patentieren ließ. Der alltägliche Verkehr auf den Straßen hatte sich ausgeweitet. In Berlin war schon die Rede davon, dass es Probleme gäbe bei der wachsenden Straßenbenutzung durch Wagen aller Art. Die Eisenbahn hatte inzwischen auch in den meisten Ländern Europas Verbindungen zwischen den Städten ermöglicht. Die Höchstgeschwindigkeit auf den Schienen lag schon bei fast 100 km/h. Die Autos mussten sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von 24 km/h begnügen. Nur so konnten Pferdewagen, Kraftomnibusse, Stadtbahnen und Autos miteinander bestehen.
Große Kreise zog auch eine Sportart, deren Weltmeisterschaft erstmalig 1896 in Sankt Petersburg stattgefunden hatte: der Eiskunstlauf. Im Januar 1911 war Wien für Damen und Paare der Austragungsort. Die Herrenkonkurrenz fand im Februar in Berlin statt. Zwei Herren, die jeweils eine Medaille holten, sind heute noch bekannt. Ulrich Salchow, zehnfacher Weltmeister und Werner Rittberger, der dreimalige Vizeweltmeister, leben namentlich in den ihren Sprüngen weiter.
Wer es weniger sportlich, dafür elegant liebte, der tanzte Tango. Dieser Tanz, dessen sogenannte internationale Variante aus dem Tango Argentino entstanden war, verbreitete sich um 1910 in Europa und zog Paare jeden Alters in seinen Bann. Zur selben Zeit entstand in Amerika der Foxtrott, der aber erst um 1920 in Deutschland ankam, dann aber – wie der Charleston auch – sehr populär wurde. Und es gab den unverwüstlichen Walzer, der noch im 21. Jahrhundert getanzt wird, meistens allerdings von der älteren Generation.
Es wäre wohl auch nur die ältere Generation, die einen spektakulären Raubüberfall vom Hörensagen in Erinnerung behalten hätte, wäre es nicht dem deutschen Schriftsteller Carl Zuckmayer 1931 gelungen, dem Helden in seiner Tragikomödie ein Denkmal zu setzen. Die Rede ist vom „Hauptmann von Köpenick“, der als Friedrich Wilhelm Voigt im Oktober 1906 in einer Verkleidung nicht nur die Gutgläubigkeit einiger Soldaten für sich nutzte, sondern zudem den Bürgermeister verhaftete und sich der Stadtkasse bemächtigte. Damals war Köpenick noch eine eigenständige Stadt nahe Berlin, die im Zuge des Groß-Berlin-Gesetzes erst 1920 ein Ortsteil Berlins wurde.
Die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung war dem Mediziner und praktischen Hygieniker Rudolf Virchow ein großes Anliegen. Seinen Bestrebungen ist es zu verdanken, dass erste kommunale Krankenhäuser entstanden. Berlin verdankt dem unermüdlichen Forscher und Menschenfreund auch seit 1870 eine Kanalisation. England hatte längst ein Kanalsystem. Das erste auf dem Festland Europas wurde 1856 in Hamburg geschaffen. Dass die Berliner nachzogen, war nur logisch. Rudolf Virchow kümmerte sich auch um eine zentrale, saubere Versorgung mit Trinkwasser. Er dachte komplex und setzte sich auch bei der besten Lösung für die Beseitigung des Abwassers durch. Erste Erfahrungen hatte man andernorts schon gemacht. Das Verrieseln von Abwasser auf weiten Flächen außerhalb der Stadt geht ins Jahr 1901 zurück. So entstanden die Rieselfelder, eine Art biologischer Abbau vom Schmutzwasser. James Hobrecht und Robert Koch gehörten ebenfalls zu den führenden Köpfen, mit denen Virchow diese Maßnahmen entwickelte. Und Virchow war es, auf dessen Drängen im Jahr 1900, zwei Jahre vor seinem Tod, ein offizielles „Reichsfleischbeschaugesetz“ dafür sorgte, Epidemien zu verhindern, die durch parasitäre Fadenwürmer, also durch Trichinen, entstünden, würde man nicht das Fleisch nicht kontrollieren. Wie hätte diesen emsigen Hygieniker der Gammel-Fleisch-Skandal entsetzt?
Virchow war natürlich nicht der einzige Mediziner, der der Hygiene so großen Wert beimaß. Die Bevölkerung konnte an diesen populären Ereignissen großen Anteil nehmen. Die Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden war eine Veranstaltung, die einen Besucherrekord verzeichnen konnte. Von Mai bis Oktober 1911 waren 5,2 Millionen Menschen zu Gast im Bereich Hygiene. Das war ein echter Meilenstein auf dem Weg in Richtung Zukunft, denn hier stand tatsächlich der Mensch im Vordergrund. Die Idee zu dieser riesigen Ausstellung hatte Karl August Lingner. Er war ein visionärer Unternehmer und hatte bereits 1892 in Zusammenarbeit mit dem Chemie-Professor Richard Seifert, ein Mundwasser entwickelt, das eine kosmetische und medizinische Wirkung aufwies und heute noch als bewährte Marke existiert: Odol. Ab 1930 stellte man Odol schon in vielen Ländern her. Karl August Lingner hatte mit der Idee, eine Hygieneausstellung zu veranstalten, einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Sanitäreinrichtungen geleistet. Seine menschenfreundlichen Unternehmungen stellten ihn in die Tradition der Aufklärung nach der Theorie des Philosophen Immanuel Kant. So dicht liegen Körper und Geist beisammen.
Die Frauen in Deutschland – sie hatten immer noch kein Wahlrecht, aber sie machten auf sich aufmerksam. Beispielsweise die Dresdnerin Melli Beese. Sie erhielt an ihrem 25. Geburtstag, das war der 13. September 1911, als erste Frau in Deutschland eine Flugzeugführerlizenz. 1912 gründete sie ihre eigene Flugschule. Auch an diesem Vorhaben beteiligte sich der Unternehmer Karl August Lingner. In Frankreich machte im selben Jahr eine Frau wiederholt Schlagzeilen: die Wissenschaftlerin Marie Curie. Sie bekam 1911 den Nobelpreis für Chemie. Den Nobelpreis für Physik hatte sie schon 1903 bekommen.
Ein ganz anderes Ereignis war 1911 die Eröffnung des St. Pauli-Elbtunnels, der heute als Alter Elbtunnel mit Anerkennung betrachtet wird. Er wurde 2007 zum Historischen Wahrzeichen der Ingenieurskunst in Deutschland und steht längst unter Denkmalschutz. Damals war er eine unglaubliche Sensation. Dieser Alte Elbtunnel, der innerhalb von vier Jahren erbaut wurde, ist fast 450 Meter lang und wird immer noch benutzt. Faszinierend sind die Fahrkörbe, mit denen die Fahrzeuge in die Schächte gebracht werden. Zufahrtsrampen gibt es nicht. Wer sich heute für Technik interessiert, kommt am Alten Elbtunnel nicht vorbei. Im Gegenteil, da muss man durch.
Auch in der Kunst tat sich viel. Die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“, der Wassily Kandinsky und Franz Marc angehörten, konnte am 18. Dezember ihre erste Ausstellung zeigen. Sie erreichte eine große Öffentlichkeit und war später auch in anderen deutschen Städten ein Besuchermagnet. Dagegen nimmt
sich die Eröffnung des Münchner Tierparks am 1. August 1911 etwas bescheiden aus. Aber er erfreut sich immer noch großer Beleibtheit und sein Alter sieht man ihm nicht an.
Während sich das Deutsche Kaiserreich seiner eigenen Neuerungen erfreute, stapfte der Norweger Roald Amundsen durch Eis und Kälte. Er konnte dabei hinschauen, wohin er wollte, sein Blick sah immer nur den Norden. So ist das heute noch am Südpol und der Polarforscher Roald Amundsen war der erste Mensch, dem es gelang, den geografischen Südpol zu erreichen. Das war am 14. Dezember 1911.
Ob ihn bei seiner Rückkehr geschminkte Damen begrüßten, ist nicht belegt. Sie wären bestimmt aufgefallen, zumal die seit 1828 existierende Parfüm-Firma Guerlain eine weitreichende, kosmetische Neuerung auf den Markt gebracht hatte. Ein Stift aus gefärbtem Rizinusöl mit Hirschtalg und Bienenwachs, der bei seiner Erst-Präsentation 1883 auf der Amsterdamer Weltausstellung noch in Seidenpapier gewickelt war, war nun von der Firma Guerlain praktischerweise in eine Metallhülse gesteckt worden. Die berühmteste Schauspielerin jener Zeit, die Französin Sarah Bernard, war von diesem Stift begeistert und färbte damit ihre Lippen rot. Seinen Siegeszug trat der Lippenstift allerdings erst um 1920 an. Gut Ding braucht Weile. Dafür gehört der Lippenstift noch heute zu den wichtigsten Utensilien, die man in einer Damenhandtasche findet. Und zwar weltweit.
Einer der berühmtesten Komponisten im Übergang von der Spätromantik zur Moderne und gleichzeitig einer der bedeutendsten Dirigenten seiner Zeit dirigierte im Februar 1911 in New York sein letztes Konzert: der Österreicher Gustav Mahler. Kurze Zeit darauf, am 18. Mai 1911 starb er in Wien. Seine 9. Sinfonie wurde erst nach seinem Tod, am 26. Juni 1912, uraufgeführt. Kein Geringerer als Bruno Walter dirigierte die Wiener Aufführung.
Es tat sich viel in der Welt der Kunst. Die Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten der Zeit war eine ernste Sache und eine breite Öffentlichkeit interessierte sich für Politik und ihre Umsetzung in der Kunst. Und um den Buchverkauf attraktiver zu machen, gab 1911 der Insel-Verlag, geführt von Anton Kippenberg, die Reihe „Bibliothek der Romane“ heraus. Ein Buch kostete drei Mark. Schon am 23. Mai 1912 ging es weiter mit der Reihe „Insel-Bücherei“. Der erste Band dieser Reihe war die Prosadichtung von Rainer Maria Rilke „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. Der Insel-Verlag, der bereits 1901 entstanden war, ist noch heute einer der bedeutendsten Literaturverlage Deutschlands.
Es wird von einem heißen Sommer im Jahre 1911 berichtet, der in den Schulen für Unterrichtsausfall sorgte und Missernten zur Folge hatte. Die Lebensmittel verteuerten sich und eine Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses musste vertagt werden. Der Tod Konrad Dudens war gewiss keine Folge der großen Hitze. Immerhin war der Begründer einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung bereits 82 Jahre alt, als er am 1. August 1911 starb. Sein Name ist bis heute jedem vertraut und bei den meisten Menschen steht er als „der Duden“ im Bücherregal. Ob er mit der neuen deutschen Rechtschreibung einverstanden wäre?
Ein Sommertag wurde zum Geburtstag des bedeutendsten deutschen Theaterkritikers, der am 24. August 1911 zur Welt kam. Friedrich Lufts sprachliche Gewandtheit, seine Fachkenntnis und sein erbarmungsloses Formulieren wurden gefürchtet und geliebt, aber immer beachtet. Er starb 1990. Seit 1992 wird jährlich der Friedrich-Luft-Preis verliehen und zwar an die beste Berliner Theater-Aufführung, wobei nicht davon ausgegangen werden darf, dass die Meinung der Jury zwangsläufig mit der Meinung des einstigen Kritikers übereinstimmen würde.
In Raiding, einem kleinen Dorf im heutigen österreichischen Burgenland, ließ man es sich nicht nehmen, an den großen Sohn der Gemeinde zu erinnern, der 1911 sein 100. Geburtstags-Jubiläum gehabt hätte, wäre er nicht schon am 31. Juli 1886 in Bayreuth gestorben: Franz Liszt, Komponist und bedeutendster Klaviervirtuose Europas im 19. Jahrhundert. Ihm zu Ehren richtete der Raidinger Pfarrer liebevoll ein Liszt-Museum ein.
Keines dieser Ereignisse erhitzte die Gemüter so sehr, dass es sogar den Vatikan aus der Ruhe brachte. Welches? Die Hose für die Frau! Dabei handelte es sich gar nicht um eine Glaubensfrage. Sei’s drum. Die Damenhose gibt es natürlich heute noch. Niemand regt sich darüber auf. Nur wenn sie ein paar Zentimeter zu eng sitzt, ist das Gezeter groß. Dabei liegt das keinesfalls am Kleidungsstück.
Die rasante industrielle Entwicklung der letzten Jahrzehnte machte Undenkbares denkbar. Und wenn schon fast jeder Ort auf der Welt erreichbar war, durfte auch der Reisekomfort nicht nachstehen. Neue Maßstäbe setzte die „Titanic“, die zu jener Zeit nicht nur den besten Komfort bot, sondern auch das größte Passagierschiff der Welt war. Sie wurde am 2. April 1912 in Dienst gestellt, lichtete die Anker und zwölf Tage später wurde der Luxusdampfer von einem Eisberg gerammt. Viel Komfort war nicht gleichbedeutend mit einer ausreichenden Anzahl von Rettungsbooten. Innerhalb von zweieinhalb Stunden sank das Schiff. Ungefähr 1500 Menschen starben. Etwa 700 Menschen überlebten die Katastrophe. Ob sie sich später an den Komfort oder an den spektakulären Untergang erinnerten; wer weiß das schon?
Es wusste auch niemand, wohin das Jahrhundert noch steuern und auf welche Eisberge es stoßen sollte. Dass es spannend und gefährlich zugleich begann, war unübersehbar, denn am schnellsten wuchs die Rüstungsindustrie.

 
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