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Das Modejahr 1907 Mode – Paris setzte erste Zeichen


Einen kleinen Sieg in Sachen Gleichberechtigung der Frauen hatte die französische Physikerin Marie Curie erreicht. Sie hatte bereits am Ende des Vorjahres ihre erste Vorlesung an der Pariser Universität Sorbonne gehalten. Damit übernahm sie die erste Stelle einer Professorin an dieser weltberühmten Universität. Eine Wendepunkt in der Geschichte schien erreicht, den auf ihre Weise auch die Mode mitmachte. Das Reformkleid, dass sich in seiner sackartigen Form nicht durchsetzen konnte, wich einem ebenfalls korsettlosen Kleid, dass aber bereits einen gewissen Schick aufwies. Es war aber nach wie vor knöchellang. Auch die Schleppe fehlte nicht. Sein Schnitt bediente die natürliche Körperform, die ohne das einengende Korsett auskam. Zumeist waren es noch Frauenrechtlerinnen, Künstler und
Intellektuelle, die sich zusammen mit Ärzten für diese Mode einsetzten. Modeschöpfer in Deutschland, die dem Reformkleid huldigten, gab es kaum. Wohl aber gab es sie in Paris. Allen voran kehrte Paul Poiret der Sans-Ventre-Linie zunehmend den Rücken. Noch waren es nur Vorzeichen, die eine neue Mode ankündigten. Es waren auch nur Vorzeichen, als Kaiser Wilhelm II. sich zu Jahresbeginn klar zum Imperialismus in Deutschland bekannte und der Sozialdemokratie den Kampf ansagte.
Es war schwer für die mondäne Frau von Welt, sich von der schlanken Linie zu verabschieden und einer neuen Natürlichkeit Raum, bzw. Körper zu geben. Deshalb tat sie es auch noch nicht, sondern favorisierte weiterhin den Sans-Ventre-Stil und lebte das am meisten bei den großen Abendroben aus. Hier konnten Modeschöpfer und die Schneider-Handwerkskünstler ihre ganze Fantasie spielen lassen. Wenn auch die Silhouette unverändert blieb, so konnte sie dennoch durch die verschiedenen, dekorativen Ausschmückungen eine lockere Optik aufweisen. Seidenstoffe und Spitzen waren mindestens so beliebt wie Samtstoffe. Spitzeneinsätze, Applikationen oder Einlegearbeiten mit anderen Materialien erfreuten sich bei den Verzierungen enormer Beliebtheit. Ergänzend waren Fächer aus Straußenfedern besonders angesagt. Und wenn ein Stück Haut den Arm bloßzulegen drohte, machten Spitzenhandschuhe oder solche aus Glacé-Leder die drohende „Peinlichkeit“ zunichte. Die Damen der Gesellschaft fühlten sich in ihrer Abendgarderobe wie berühmte Schauspielerinnen, deren Bilder sie – die Fotografie machte es möglich – gut kannten. Sie wurden in den Gazetten der Haute Couture gern veröffentlicht.
Was die Damenmode noch nicht geschafft hatte, war in der Mode für Kinder längst kein Thema mehr.
Hier waren die Kleidchen bequem und locker, reichten auch nur bis zur Wade oder sogar bis zum Knie. Praktisch waren sie allerdings nicht unbedingt, denn das Spitzenmaterial war nicht robust und deshalb auch nicht zum unbeschwerten Spielen gemacht. Selbst ein Schürzchen konnte da keinen ausreichenden Schutz bieten. Bequem und dennoch unpraktisch. Natürlich hielten sich die Kinder nicht an ein strenges Spiel-Verbot, was dem Handel oder dem Schneider in Sachen Kinderkleidung dienlich war.
In der sportlichen Bekleidung ging es schon seit einigen Jahren etwas lockerer zu. Doch Mode stand auch hier vor dem eigentlichen Sport-Vergnügen. Die Damen, die aus purer Freude das Automobil nutzten, wussten ihre elegante Kleidung durch einen weiten sogenannten Staubmantel abzuschirmen. Der Hut war mit einem Schleier versehen, der das Gesicht bedeckte und schützte. Die Damen aber, die sich dem Rausch der Geschwindigkeit im Sinne eines Autorennens verschrieben, bevorzugten Kleidung, die in der Hauptsache funktionell war. Sie tendierten zu einem Ledermantel mit Kapuze, alternativ zu einem Gummimantel, der mit einer Kappe ergänzt wurde. Nichts ging ohne Handschuhe. Die Autofahrerin trug wie die Herren Automobilisten derbe Handschuhe aus Leder. Besondere Sportlichkeit wurde durch die Autobrille betont. Die Ziele, die die wohlhabenden Bürger per Auto erreichen wollten, bliebe unbekannt. Doch die wenigsten fuhren zum VII. Internationalen Sozialistenkongress, der in Stuttgart und damit erstmalig in Deutschland stattfand. Zu den prominenten Teilnehmern aus aller Welt, die ihre Haltung zu einem drohenden Krieg äußerten, gehörte Rosa Luxemburg. Ob sie schon der Mode der Reformbekleidung gefolgt war?
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