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1990 küssen Egon Kohl und Helmut
Krenz einander auf den allerwertesten Mund, oder
war's umgekehrt? Ab da geht’s aufwärts. Auch
Ostmenschen fahren jetzt nicht mehr dritter, sondern
zweiter Klasse. Modisch, versteht sich. In jeder
anderen Hinsicht sowieso. Wir sind doch jetzt alle
wieder ein Volk von einig ... öhhhm ... Schwestern.
Kleine Betonbröckchen an rostigen Ketten werden dann
erstaunlicherweise doch nicht die ganz große Mode.
Merkwürdig. Hätte doch super zum Grunge-Style
gepasst, der so aussieht als wäre er was für Arme,
obwohl er natürlich ganz genauso teuer ist wie jede
andere Mode auch. Egal wie echt Kurt Cobains
abgefuckte Strickjacke sein mag, in der er auf der
Bühne auftritt wie irgendeiner von diesen
jugendlichen Underground-Musikern, die unter einer
Seine-Brücke oder in einer Metro-Station für ein
paar Centimes ihr Leben verkaufen, als wäre es
frisches Baguette.
Statt dessen krebst die Modewelt in ihrer jüngsten
Vergangenheit herum und feiert jährlich ihr eigenes
Revival. Fünfziger, Sechziger, Siebziger, alles
kommt unters Skalpell. Nur die 80er sind noch zu
jung für ein Lifting und bleiben einstweilen
unberührt.
Dafür werden Kreuze als Halsschmuck wieder
salonfähig und weisen den Träger oder die Trägerin
weder als katholisch noch als Gruftie aus.
Bezeichnend auch, dass es jetzt ernsthaft heißen
muss: Trägerin oder Träger. Damit sind keineswegs
regenbogenbewegte Tunten gemeint. Männer erobern die
Modewelt, und das nicht mehr nur als Designer. Klar,
warum sollten denn nur Karl Lagerfeld und Wolfgang
Joop ihre Weiblichkeit ausleben dürfen? Der moderne
Mann ist metrosexuell. Er trägt elegante Parfums,
rasiert sich die muskulöse Heldenbrust, zupft seine
Augenbrauen in Form und schmückt seinen Luxuskörper
mit weit mehr als nur Ehering und Seidenkrawatte.
Der coolste Schmucktrend der Neunziger heißt
Piercing. Und der jedenfalls ist definitiv nicht
geschlechtsspezifisch. Was als Mutprobe oder
Avantgarde-Verrücktheit beginnt, wird schnell zum
Modetrend. Je ein Ohrring pro Ohr war gestern. Die
modebewusste junge Dame trägt deren mindestens fünf.
Dazu wenigstens ein dezentes Glitzersteinchen im
Nasenflügel. Der modebewusste junge Herr zieht nach.
Nicht nur die Lidränder mit Kajal, sondern ...
Nun ja, manches davon ist recht intim. Prinz Albert
jedenfalls grinst, wenn schon nicht unbeachtet, so
doch zumeist bedeckt und der Geliebten vorbehalten
dem gefürchteten Y2K-Chaos entgegen.
Otto Normalverbraucher schüttelt natürlich den Kopf
ob der Zumutung, er solle sich irgendwas ins Gesicht
oder sonst wohin schmieren, um noch schöner zu
werden, als er eh schon ist. Er hält es lieber mit
Torbergs Tante Jolesch. Aber das ist eine andere
Geschichte.
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