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Pünktlich zum Ende eines
strahlend euphorischen Jahrzehnts, im
Oktober 1929, stürzt die westliche Welt
in den wirtschaftlichen Abgrund. In den Vereinigten
Staaten fängt nach einer historischen Schrecksekunde
Franklin D. Roosevelts New Deal nicht nur
die Wirtschaft auf, sondern auch die Demokratie. Die
jungen europäischen Demokratien dagegen überleben
den Schock nicht. Deutschland,
Italien,
Spanien
und
Österreich kippen praktisch zeitgleich in
den Faschismus.
Einstweilen aber vergnügt sich die bessere
Gesellschaft noch auf Festen und ignoriert die
Krise. Was sollte sie denn auch sonst tun. Etwa in
Panik verfallen? Die Mutter des Dienstmädchens hat
ihre gesamte Altersvorsorge verloren. Unangenehm.
Aber was soll man tun. Sie hätte wohl besser daran
getan, ihr Geld in den Sparstrumpf zu stecken.
Schon erschreckender: Direktor Meier, der
Geschäftsführer von Müller & Co., soll sich
vergangenen Dienstag erschossen haben. Mit den
Bilanzen, so heißt es, soll etwas nicht gestimmt
haben. Nun gut... so weit sind wir noch nicht. Sitzt
meine Fliege gerade? Ein kurzer Blick in den
Spiegel, ein kleiner, gekonnter Ruck. Helene, was
ist, können wir dann? Der Herr Konsul wartet.
Auf modischem Gebiet tut sich nicht viel Neues in
diesen Jahren der Krise. Die Revolution der
Zwanziger
hat sich überlebt. Statt modischer Provokation ist
jetzt Eleganz angesagt. Coco Chanels "Kleines
Schwarzes" ist zur modischen Uniform für alle
Gelegenheiten geworden. (Es wird später als
Etuikleid wiederbelebt und von Jacky Kennedy-Onassis
erneut zum allgemein gültigen Ideal der eleganten
Frau gemacht werden.) Der Vamp der Zwanziger hat
ausgedient. Die Frau des neuen Jahrzehnts gibt sich
damenhaft. Als repräsentative Ehefrau feminin in
fließenden Materialien und sanften Formen, als
Geschäftsfrau – so sie den Mut hat – in Hosen und
mit männlich überbetonten Schultern.
Beim Schmuck setzt sich die Linie der 20er fort.
Modischer Tagesschmuck aus unedlen Materialien wie
Glas und Bakelit (dem Vorläufer des Plastiks) oder
Halbedelsteinen, unedle Metalle, vergoldete und
versilberte Schmuckstücke. Weiterhin bleibt die
aparte Form ausschlaggebend. Die Stilrichtung heißt
immer noch Art Déco und die Juwelierkunst feiert
immer noch ihre Hochblüte. Dank derer, die es sich
leisten können. Denn edles Handwerk hat auch dann
seinen Preis, wenn die Materialien nicht so erlesen
sind wie Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Dem Dienstmädchen hat man mittlerweile gekündigt. Es
macht sich nicht mehr so gut, in Zeiten wie diesen
als Snob aufzutreten. Frau Helene, immer noch sehr
adrett in Glockenrock und hochgeschlossener
Batistbluse mit Lochstickerei, dreht den
Volksempfänger auf. Der Führer wird gleich eine
Ansprache halten.
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