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1920: Der Erste Weltkrieg ist
erst seit Kurzem vorbei, die Welt ist in
verwirrender Unordnung, alles ist so anders, als es
vorher war. Ähnlich muss es Scarlett O'Hara
empfunden haben, als ihre Zeit als
Sklavenhaltertochter vorüber war. Meine Großmutter
wird geboren. Nein, streichen Sie das. Es spielt
keine Rolle. Ich sagte: Streichen Sie das! Sie
wollen nicht? Na schön, dann leben Sie eben mit
meiner Großmutter.
Die frühen Zwanziger sind geprägt von
Nachkriegsentbehrungen und gesellschaftlicher
Umstellung. Millionen Männer sind im Krieg gefallen,
weitere Millionen kehren an Leib und Seele
verstümmelt zu ihren Familien zurück. Die Welt steht
Kopf. Nichts ist mehr so, wie es war. Das, was als
"die Goldenen Zwanziger" bezeichnet wird, beginnt
etwa zur Mitte des Jahrzehnts und stürzt die Welt in
einen Taumel, der alsbald vorbei sein wird. Ein
schnelllebiges halbes Jahrzehnt, das wie eine Kerze
ist, die an beiden Enden brennt.
Hat Rosa Luxemburg noch vor wenigen Jahren
selbstverständlich knöchellange Röcke getragen, so
rutschen die Rocksäume nun immer höher – Wade, halbe
Wade, Kniekehle. Am Ende gar bis übers Knie. Ein
paar Fransen dran geben vor, einen Rest weiblicher
Zucht zu wahren, wiewohl sie weit mehr enthüllen,
als sie verdecken. Kess, schrill und schamlos ist
diese Mode, die jeden Sinn für Dezenz verloren hat.
Die mondäne Dame trägt Halbseide und ein Diadem aus
echten oder beinahe echten Diamanten. Sie raucht
herausfordernd auffällig Zigaretten oder tut
zumindest so, als täte sie es. Die ausziehbare
Zigarettenspitze wird zum beinahe unverzichtbaren
modischen Accessoire der Dame von Welt.
Coco Chanel revolutioniert die Modewelt. Eine kleine
Modistin mit vorzeigbarem Liebhaber erklärt der
Welt, was modisch Sache ist. Nur weil sie es sagt,
werden auf einmal Glasperlenketten
gesellschaftsfähig.
Was für eine erstaunliche Sache. Bisher durften das
nur Männer: Sagen, wo es modisch lang geht. Coco
setzt sich darüber hinweg, baut erfolgreich eine
Firma und eine Marke auf und erhebt ihre Stimme,
wenn es darum geht, was Frauen wollen. Der
Chanel-Stil steht seither für funktionale Eleganz
ohne Kinkerlitzchen. Mode für Geschäftsfrauen.
Frauen, die keine Zeit haben, sich mit Kleinkram
abzugeben. Frauen, denen Rüschen und sonstiger
unnötiger Zierrat im Weg sind, die aber dennoch
nicht auf einen femininen Stil verzichten wollen.
Auf dem Tanzparkett am Rande des Vulkans schreitet
inzwischen der Wahnsinn voran. Was trägt Frau beim
letzten Tango? Natürlich Federboa. Dazu einen sehr
eleganten Mann – mit einer Rose im Munde.
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