|
Das Jahrhundert hat so aufregend
begonnen, aber immer mehr zeigt sich, dass die alte
Gesellschaftsordnung auseinander bricht. Höhere
Töchter mucken ebenso auf wie die Arbeiterklasse.
Nichts ist mehr so, wie es nach den Vorstellungen
der wohlsituierten Bürger und der regierenden
Monarchen sein sollte. Auch in der internationalen
Politik läuft alles schief. Das Attentat auf den
österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in
Sarajevo im Juni 1914 ist nur der Tropfen, der das
Fass zum Überlaufen bringt. In nur vier Jahren
schießen sich die europäischen Monarchien selber ab.
Auf der Strecke bleiben Millionen Soldaten, die "für
Gott, Kaiser und Vaterland" ihr Leben oder
wenigstens ihre geraden Glieder und ihre Gesundheit
gelassen haben. Und hinter der Front? Auch die
Frauen haben in den Kriegsjahren wohl anderes im
Sinn als Schmuck und Flitterkram. Danach dann für
eine ganze Weile ebenfalls. Revolution, politischer
Umbruch, psychisch und physisch kaputte
Kriegsheimkehrer – das Ende des Jahrzehnts ist keine
gute Zeit für modischen Schnickschnack.
An Bord der Titanic allerdings ist die Welt noch in
Ordnung. Sie ist ja unsinkbar. In Southampton,
England, steigt am Mittwoch die elegante
Gesellschaft ein, am Donnerstag in Queenstown,
Irland, das gemeine Volk, das im Zwischendeck
befördert sein will. Dann geht es los mit der Reise
über den Atlantik. Zielort Ellis Island ... oder so.
New York jedenfalls.
Die Herzogin von Ypsilon trägt gerade ihr Makeup
auf, als das Schiff zu schwanken beginnt. Sie denkt,
es wäre ein leichter Schwindelanfall, legt daher
vorsorglich ihre goldene, mit Brillanten und
Smaragden besetzte Agraffe ab und sich zu Bette. Als
der Steward sie holen kommt, vergisst sie darauf,
wirft die Nerzstola um die Schultern und sich ins
Gewühl. Der Steward steckt fürsorglich das kostbare
Schmuckstück in die Jackentasche seiner Uniform.
Zweifellos hat er die Absicht, es der Dame später zu
übereichen. Unglücklicherweise kommt es nie dazu.
Die Herzogin klagt, doch da der mutmaßliche Täter
irgendwo auf dem Grund des Atlantiks liegt, weil
sein Arbeitgeber ein kleines Logistikproblem hatte,
bleibt die Sache in der Schwebe. Die Erben grübeln
noch heute.
Was an Bord der Titanic an Schmuck getragen wurde,
war zweifellos nicht nur ein Vermögen wert, sondern
auch in künstlerischer Hinsicht beispiellos. Die
Schmuckstücke der Jugendstil-Ära haben einen
unbeschreiblichen Zauber. Sie hätten es verdient,
dass heute Korallenstämme aus ihnen wüchsen. In
diesem Falle wenig wahrscheinlich. Die Titanic hätte
an passenderer Stelle sinken sollen. Der Grund des
Atlantiks ist zu kalt für Korallen.
|